Jürg Wüst

Lesung:                 1 Joh 3,1-3
Evangelium:         Mt 5,1-12
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Liebe Gläubige

Wenn wir von gesellschaftlichen oder technischen Entwicklungen im positiven oder negativen Sinn sprechen, ist oft der Ausdruck zu hören: «Das ist nur der Anfang…»
Gemeint ist dann, dass sich etwas Grosses daraus entwickeln und entfalten wird.
«Das ist nur der Anfang» meint dann so viel wie, es kommt noch viel schlimmer oder - wenn der Begriff positiv gebraucht wird: «Es kommt noch viel besser.»
Gerade auch bei technischen Entwicklungen kann davon gesprochen werden, dass vieles nur der Anfang von noch viel tiefergreifenden Veränderungen ist. Denken wir nur an die Möglichkeiten in der Robotik.
Wenn wir als den Ausdruck «Das ist nur der Anfang» verwenden, sind damit Visionen verbunden. Menschen mit Visionen halten fest, dass sich Dinge verändern werden. Sie sind offen für das was die Zukunft bringt. Oder im Blick auf die Gegenwart: Sie rechnen nicht damit, dass das was sie gegenwärtig erleben schon alles ist.
Visionärinnen und Visionäre sehnen in der Gegenwart nur den Anfang von noch Grösserem.
Eigentlich sind Heilige, die mit dem heutigen Festtag in unseren Blick gerückt werden, Visionärinnen und Visionäre. Sie haben sich nicht mit dem zufrieden gegeben, was war und so haben sie dazu beigetragen, dass vieles nur der Anfang war und daraus oftmals auch Grosses gewachsen ist. Darum erinnern wir uns heute noch an sie. Aber auch all jene, von denen heute nicht mehr so oft gesprochen wird, hatten Visionen.
Schauen wir stellvertretend für alle Heiligen auf den Verfasser des ersten Johannesbriefes, von dem wir in der Lesung einen Abschnitt gehört haben und über den die Forschung heute eigentlich nichts weiss, ausser dass er vielleicht zur sogenannten «Johanneischen Schule» gehört hat. Das wird angenommen, weil die Johannesbriefe und das Johannesevangelium ähnliche Vorstellungen verbinden.
Das ist aber nicht das Thema der Predigt. Vielmehr kann gesagt werden, dass auch der Verfasser des 1. Johannesbriefes ein Visionär war, heisst es doch in seinem heute gelesenen Textabschnitt:
«Ja, liebe Freunde, wir sind Gottes Kinder, wir sind es hier und heute. Und das ist erst der Anfang!»
Das ist erst der Anfang! Es kommt also noch mehr, es muss noch Grosses erwartet werden.
Aber ist mit: «Wir sind Kinder Gottes, wir sind es hier und heute» nicht schon alles gesagt? Kann es da noch Grösseres geben? Eigentlich nicht: «Wir sind Kinder Gottes» drückt eigentlich schon alles aus. Der Apostel Paulus würde dem sagen, ja wir gehören zu Gott, wir sind darum alle heilig.
Was meint der Verfasser des Johannesbriefes, wenn er dann doch schreibt, das ist nur der Anfang!
Ich meine, dass hier ein entscheidendes Detail steckt.
Wer nämlich weiss, dass die Menschen Kinder Gottes sind, kann und darf die Hände nicht in den Schoss legen.
Die Frage ist deshalb, was wir aus dieser Erkenntnis ableiten. Menschen, die in sich und den anderen Kinder Gottes sehen, sehen im Leben etwas Heiliges.
Ja und dann ist das tatsächlich nur der Anfang! Das gilt damals wie heute! Wenn alles Leben eingeschlossen auch das menschliche Leben etwas Heiliges ist, dann muss sich noch viel, sehr viel ändern auf unserer Welt!

  • Dann gilt es weitere viele Schritte zum Schutz der Umwelt zu tun und nicht nur schöne Worte zu verlieren!
  • Dann gilt es in Debatten und Diskussionen einen respektvolleren und wertschätzenden Ton zu suchen und nicht, wie es uns leider gewählte Staatsoberhäupter vormachen, diskriminierende und menschenverachtende Schlagwörter salonfähig zu machen.
  • Ja, dann gilt es für Frieden, die Bewahrung der Schöpfung und für Gerechtigkeit zu kämpfen: Bei uns aber auch weltweit.
  • Eingeschlossen sind da würdige Arbeitsbedingungen für alle, nicht nur hier bei uns in der Schweiz.
  • Eingeschlossen sind da Diskussionen um Waffenausfuhr und Exporte in Bürgerkriegsländer.
  • Eingeschlossen sind da ethische Diskussionen darum was alles an technischen und entwickelten Möglichkeiten getan werden oder zum Schutz der Menschenwürde nicht getan werden soll.
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Wenn das Leben insbesondere das menschliche Leben etwas Heiliges ist, dann gilt es an der Vision und Hoffnung festzuhalten, die alle Heiligen getrieben hat und die sich in Jesus von Nazareth festmachen lässt.
Es ist eine Hoffnung, die ganz auf Jesus ausgerichtet ist, der schon damals Visionär festgehalten hat, dass die Armen und Bedrängten, die Trauernden und die nach Gerechtigkeit Dürstenden nicht einfach die Verliererinnen und Verlierer bleiben müssen, sondern sich auf Gottes Kraft verlassen können, wie es die Seligpreisungen formulieren:

Selig, die Armen
die Trauernden;
die keine Gewalt anwenden
die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit
die Barmherzigen
die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
So wird auch für uns heute wieder ein Anfang gesetzt… 
«Ja, liebe Freunde, wir sind Gottes Kinder, wir sind es hier und heute. Und das ist erst der Anfang!»
Amen