Michael Pfiffner

Lesung:          Apg 2, 1–11

Evangelium: Joh 20, 19-23

 

Liebe Mitchristen

Eine Feder des Heiligen Geistes oder ein Glas-fläschchen, in dem sich der Atem Jesu befindet, von dem wir gerade im Evangelium gehört haben.

Was für uns eher merkwürdig und ungewohnt tönt, war im Mittelalter selbstverständlich. Sogenannte Reliquien waren in vielen Haushalten und Kirchen zu finden. Reliquien, das sind Gegenstände oder Knochen, die an einen Heiligen erinnern.

Dieser Reliquienkult war im Mittelalter zum einen natürlich eine grosse und wichtige Einnahmequelle für die Kirche: Mit dem Handel und Verkauf der Reliquien konnte man ganz schön verdienen. Zum anderen hatte es aber auch mit dem Glaubensverständnis der Menschen damals zu tun:

Glaube ist etwas, was ja nicht beweisbar, nicht greifbar ist. Mit den Reliquien kann ich aber genau das: einen Knochen, eine Feder, ein Barthaar des Noah, ein Strohhalm aus der Krippe in Betlehem kann ich berühren, greifen, fest-halten.

Das kann ich bei vielen Glaubensinhalten nicht. Auch der Heilige Geist lässt sich nicht festhalten, und das nicht nur, weil es schwierig wäre, eine Taube festhalten zu können. Sie selber ist ja auch nur eines der Symbole für den Heiligen Geist, neben Feuer, Wind und Sturm.

Der Heilige Geist steht eben genau nicht für das Festgefahrene, für das, was immer schon so war. Der Heilige Geist ist der Teil der Dreifaltigkeit, der am dynamischsten ist. Dort, wo der Heilige Geist hinkommt, da bleibt nichts so wie es vorher war. Und deshalb gebraucht die Apostelgeschichte dann auch diese ganz anderen Bilder; nämlich die von Feuerflammen und vom Sturm, weil halt nach einem Feuer und nach einem Sturm nichts mehr so ist, wie es vorher war.

Wenn man das ernst nimmt und alles anders wird: das kann Ängste auslösen. Das kennen Sie vielleicht auch selber von Veränderungen: Alles wird anders… Und von all dem, was wir gerne gehabt haben, von all dem, an dem wir hangen, ist plötzlich nichts mehr da.

Genau so ging es ja eigentlich auch den Jüngerinnen und Jüngern im Evangelium. Das, was ihnen in den letzten drei Jahren Sicherheit und Vertrautheit gegeben hat, ist weg: nämlich Jesus Christus. Schon an Ostern hatten sie das durchgemacht: Jesus wurde gekreuzigt, ist tot, kommt nicht mehr. Aber dann: ist er von den Toten auferstanden. Und, vor 10 Tagen, an Christi Himmelfahrt, haben wir gefeiert, dass er in den Himmel aufgefahren ist: definitiv und endgültig hat er sie verlassen. Das hat sie verunsichert. Und so machen sie das, was viele von uns vielleicht auch machen würden in einer solchen Situation der Unsicherheit, der Veränderung: sich ein-igeln, sich zurückziehen. Oder wie es im Evangelium geheissen hat: sie ziehen sich zurück, schliessen Türen und Fenster. Und dann machen sie vielleicht auch genau das, was die Menschen im Mittelalter mit den Reliquien gemacht haben: sie halten sich an etwas Vergangenem fest: erzählen sich die Geschichten, die sie mit Jesus erlebt haben, als er noch da war.

Und da kommt Jesus plötzlich in ihre Mitte, durch die verschlossenen Türen und Fenster hindurch.

Und das allererste Wort, das er zu ihnen spricht, das allererste Wort, das er für sie hat, das ist ein Wort des Friedens: „Friede sei mit euch“!

Das ist typisch für Jesus: Er macht ihnen keinen Vorwurf, weil sie ängstlich waren. Er kritisiert nicht ihren Unglauben. Jesus hält nicht am Alten fest, reitet nicht darauf herum, sondern schenkt ihnen seinen Frieden. Und er geht noch weiter: er sagt: „Empfangt den heiligen Geist.“ Und er haucht sie an mit seinem Atem.

Die Jünger damals haben diesen Atem wohl kaum in Fläschchen abgefüllt und für teures Geld verkauft. Der Atem ist ja gerade etwas, das ich eigentlich nicht festhalten kann. Er weht, wo er will und steht so für die lebendige Kraft Gottes, die genauso weht, wo sie will.

Entscheidend ist nun, wie wir damit umgehen: den Jüngerinnen und Jünger hat dieses Ereignis dazumal den Mut gegeben, die Türen und Fenster zu öffnen und wieder hinauszugehen.

Was würden wir daraus machen?

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen!“ Gott bittet uns an Pfingsten: Baut keine Mauern, macht nicht die Türen und Fenster hinter euch zu, damit ihr euch voreinander und vor Gottes Geistkraft abschottet! Gott möchte uns vielmehr in Bewegung bringen wie Windmühlen! Wir können Gottes Geist nicht erzwingen. Er weht, wo er will. Aber wir können in der Windstille und Flaute, in der wir uns als Kirche im Moment befinden, Windmühlen der Hoffnung aufstellen. Wir können und dürfen Gottes Geist herbei rufen, damit er uns neu in Bewegung bringt. Aber wenn wir das tun, dann müssen wir uns bewusst sein, dass wir die lebendige und dynamische Geistkraft nicht kontrollieren können und wir uns auf Überraschungen gefasst machen sollen. Denn ich bin überzeugt: Gottes Geist hat auch nach Tausenden von Jahren im Gebrauch kein Ablaufdatum, lässt sich nicht einfach so  in ein Fläschchen verbannen und ist auch heute noch für Überraschungen gut.