Jürg Wüst

Lesung:             Apg 2, 14a.36-41

Evangelium:   Joh 10, 1-5

 

Predigt:

Liebe Gläubige

Ich weiss nicht, wie es Ihnen beim Zuhören des Evangeliums gegangen ist. Es sind sehr viele Bilder darin verpackt und möglicherweise verhindert der Gut-Hirt-Sonntag ein genaues Hinhören und intensiveres Zuhören. Wird Jesus im eben gehörten Abschnitt aus dem Johannesevangelium als Hirt beschrieben? Wer genau hingehört hat, dem ist der Vers 7 aufgefallen:

Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

Gehen wir dem ein bisschen auf den Grund. Im Johannes Evangelium geht dem gehörten Gleichnis voraus, dass Jesus als Menschensohn gesehen wird, der Blinde sehend macht. Es ist aber auch die Rede von Menschen, die meinen zu sehen und doch nicht sehen, eben blind sind. Es wird deutlich, dass Jesus bei den Menschen damals als Johannes sein Evangelium schrieb, Unsicherheit ausgelöst hat. Manche haben in ihm den Messias gesehen, andere nicht. Und nun folgt das Gleichnis und berichtet von Schafen und Menschen. Jesus ist nicht der Hirte und die Glaubenden die Schafe: Vielmehr ist Jesus die Tür! Die Bewegung der Schafe ist wichtig. Sie werden hinausgeführt – das steht zwar nicht ausdrücklich, aber das dürfen wir uns denken – sie werden hinausgeführt auf die Weide. Im Stall würden sie gefangen und ohne Nahrung bleiben. Die Schafe werden durch die Tür zum Leben geführt. Und Jesus wird als diese Tür zum Leben gesehen. Er ist die Glaubenstür, könnte man auch sagen.

Nach dem Gleichnis gibt es solche, die diese Glaubenstür nehmen und solche, die sie nicht nehmen. Wer sich als Hirt für die Schafe zeigt, der nimmt die Tür. Wer sich hingegen als Räuber für die Schafe zeigt, der nimmt nicht die Tür. Man könnte auch sagen, es gibt Lebensförderndes oder Lebensverhinderndes. Wer die Glaubenstür Jesus nimmt, der stellt sich auf die Seite des Lebensfördernden, des Befreienden, dem was dem Leben dient, was nährt. Im Gleichnis wird nicht gesagt, wer was ist, sondern vielmehr zum Unterscheiden eingeladen:

Schaut, was dem Leben dient, was befreiend wirkt, dann könnt ihr selber über den Glauben an Jesus urteilen. Das Bild der Tür, an dem ich der Lebensweg eines Menschen entscheidet, stammt aus der Weisheitsliteratur Israels. Im Buch der Sprichwörter heisst es, wie die Weisheit von sich selbst sagt:

Ich spielte auf seinem Erdenrund /

und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

Nun, ihr Töchter und Söhne, hört auf mich! /

Wohl dem, der auf meine Wege achtet.

Hört die Mahnung und werdet weise, /

lehnt sie nicht ab!

Wohl dem, der auf mich hört, /

der Tag für Tag an meinen Toren wacht /

und meine Türpfosten hütet.

Wer mich findet, findet Leben /

Und hat Wohlgefallen beim Ewigen.

Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst; /

Die Weisheit wird als Tor gesehen und spricht vom Leben. Und genau das ist es, was der Evangelist Johannes auf Jesus überträgt: Er sieht ihn als Erben der Weisheit. Wer durch Jesus, die Tür des Glaubens hindurchgeht, gelangt zum Leben, zu innerem Reichtum und seelischer Nahrung. Im Bild gesprochen: Ein solcher Mensch darf sich fühlen wie die Schafe, die auf die Weide geführt werden und in der Freiheit der Welt das Leben erfahren. Dass es dabei wesentlich um Vertrauen und um jeden einzelnen Menschen geht, zeigen zwei Aspekte, die ebenfalls ins Gleichnis gepackt wurden:

  • Der Hirt oder die Hirtin kennt die Schafe beim Namen!
  • Und die Schafe kennen die Stimme des Hirten oder der Hirtin.

Jesus kann so als Tür zum Leben, als Lebensvermittler für jeden einzelnen verstanden. Gerade in der nachösterlichen Zeit können wir darin einen Hinweis auf die Auferstehung und das ewige Leben sehen, aber ganz sicher auch für das Leben hier auf dieser Welt.

Amen