Roger Oesch

Lesung:                      Koh 1, 2; 2, 21–23

Evangelium:              Lk 12, 13–21

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

1) In der heutigen Lesung werden Menschen in den Blick genommen, welche hart gearbeitet haben, so zu Besitz gekommen sind und diesen Besitz auch behalten möchten. Sie ernten die Früchte ihrer harten Arbeit, ihrer Ausbildung und ihrer Fähigkeiten.
Wieso sollten sie etwas davon abgeben? Noch an jemanden, der sich nicht so angestrengt hat wie sie?
Den eigenen Besitz zu teilen oder sogar ganz anderen überlassen zu müssen, wird in der Lesung als grosses Ärgernis dargestellt. Zu Recht?
Die Lesung spricht ein tiefes menschliches Gefühl an: das Gerechtigkeitsgefühl.
Es sagt uns, dass wir für unsere geleistete Arbeit, unsere Ausbildung und unsere Fähigkeiten entsprechend honoriert werden sollten. Je mehr ich leiste bzw. geleistet habe, desto mehr sollte ich bekommen. So funktionieren zu einem grossen Teil unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft.
Nicht selten schaltet sich dieses Gerechtigkeitsempfinden ein, wenn die Steuerrechnung ins Haus flattert oder ein Blick auf die Sozialabgaben geworfen wird.
Wie bei Kohélet könnte man sich dann fragen: Wieso soll ich mein Vermögen, das ich durch mein Wissen, mein Können und meinen Erfolg erworben habe, abgeben?
Mit dieser Frage sind wir beim Kern der heutigen Lesung und des heutigen Evangeliums angelangt: In beiden Texten geht es um den Stellenwert von Besitz und Reichtum.
Im Evangelium nimmt Jesus einen reichen Getreidebauer in den Blick, der mit einer guten Ernte beschenkt wurde und diese als Vorrat für längere Zeit speichern möchte.
Die Überlegung des Bauers macht auf den ersten Blick durchaus Sinn: Er weiss ja nicht, ob die nächste Ernte ausfällt oder genügen wird. Der Vorrat gibt ihm Sicherheit – ganz nach dem Motto «Spare in der Zeit, so hast du in der Not».
Doch Jesus kritisiert nicht das vorsorgliche, verantwortungsbewusste Sparen, sondern den Egoismus und die Habgier – das «immer mehr und mehr wollen».

2) Der Bauer aus dem Gleichnis stützt sein ganzes Leben auf seinen Vorrat ab und glaubt, durch seinen Besitz habe er sein Leben für immer abgesichert.
Es ist tief menschlich, nach Sicherheit und Kontrolle zu streben – ein geglücktes und sicheres Leben planen zu wollen. Und trotzdem zeigt das Leben immer wieder, dass Schicksalsschläge unsere Pläne durchkreuzen können – dass es letztlich keine hundertprozentigen Sicherheiten gibt. Dies will Gott dem Bauern im Gleichnis klarmachen, wenn er zu ihm sagt: «Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern».

3) Jesus will uns mit diesem Satz keine Angst machen. Er will uns vielmehr dazu anregen, zu überlegen, was wirklich wichtig ist – was wahrer Reichtum ist.
Aber, was ist wahrer Reichtum?
Jesus gibt uns im Evangelium keine konkrete Antwort. Wir können uns aber mit Blick sein Gleichnis folgende Frage stellen:

  • Was ist, wenn der ganze Besitz weg ist?
  • Wenn die grosse Scheune des Getreidebauers über Nacht abbrennt und sein ganzer Getreidevorrat vernichtet wird. Ist dann sein Leben sinnlos und leer?

Nein. Denn genau dann kommt der wahre Reichtum zum Tragen: Wahrer Reichtum besteht nicht aus Besitz, materiellen Gütern oder Geld. Diese Werte sind letztlich vergänglich oder – wie wir es bei Kohélet gehört haben – nur «Windhauch».
Wahrer Reichtum liegt vielmehr in unseren Beziehungen: in der Beziehung zu Gott und in den Beziehungen zu jenen Mitmenschen, die es gut mit uns meinen.
Es sind Beziehungen, in denen es keine Rolle spielt, was wir besitzen oder was wir geleistet haben. Es sind Beziehungen, in denen wir angenommen werden, so wie wir sind.
Diese Beziehungen tragen auch dann, wenn unser Besitz, unser Erfolg oder unsere Leistung abnimmt. Nicht das Leistungsprinzip bildet das Fundament dieser Beziehungen, sondern bedingungslose Liebe, Annahme und Wertschätzung.
Im Gegensatz zu unserem Besitz sind solche Beziehungen nicht nur Windhauch.
Sie sind beständig, verlässlich und tragen uns auch in schwierigen, unsicheren Zeiten. In diesen Beziehungen wird immer etwas von uns erhalten bleiben, auch wenn wir einmal nicht mehr sind.

4) Unter allen Beziehungen möchte ich die Beziehung zu Gott hervorheben.
Es gehört zur Realität unseres Lebens, dass Beziehungen innerhalb von Familien, Partnerschaften oder Freundschaften scheitern können. Solche Brüche können uns schwer belasten und in die Einsamkeit führen. 
Gerade in solchen Situationen dürfen wir uns daran erinnern, dass unsere Beziehung zu Gott unverbrüchlich ist. Der evangelische Pfarrer Arno Pötzsch hat es in einem Kirchenlied einmal treffend ausgedrückt: «Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand».
Auch wenn alle Stricke reissen, Gott ist da und hält uns in seiner Hand.
Darauf dürfen wir vertrauen. Gerade wenn unsere Wege unsicher sind oder uns die Kontrolle über unser Leben zu entgleiten scheint.

5) Wie die guten Beziehungen zu unseren Mitmenschen können wir auch das Gottvertrauen nicht besitzen. Es ist eben nicht wie beim Bauer aus dem Gleichnis, der sich auf seinem Vorrat ausruht. Unsere Beziehungen brauchen Pflege und können nicht wie Besitz gehortet werden. Aber Beziehungspflege lohnt sich. Denn im Unterschied zum materiellen Besitz machen uns gute Beziehungen – zu unseren Mitmenschen und besonders zu Gott – letztlich wirklich reich. Amen.