Jürg Wüst

Liebe Gläubige

Vielleicht kennen sie jene Szene aus dem Buch Mono von Michael Ende als Momo zu Meister Hora kommt. Sie muss rückwärtsgehen. Die Zeit steht still.
Wir wissen die Zeit läuft stetig vorwärts, sie steht nie still. Sie lässt sich weder zurückdrehen noch anhalten, selbst wenn wir das manchmal möchten. Gerade beim Jahreswechsel kann uns das bewusst werden, wie schnell die Zeit vergeht. Nur noch ein Jahr und wir zählen 2020 (zwanzig zwanzig).
Das Rad der Zeit lässt sich nicht aufhalten. Es dreht unaufhörlich. Aber dennoch erinnern uns Momo und Meister Hora an etwas ganz Wesentliches. Die Zeit lässt sich nicht nur zählen.
Die Zeit hat auch eine Qualität, es gibt intensivere und weniger intensive Zeiten, Es gibt Zeiten, die uns nahe gehen und berühren und es gibt Zeiten, da plätschert das Leben dahin.
Das wussten schon die Griechen und benutzten für die Zeit zwei Worte. Die zählbare Zeit nannten sie Chronos und die Zeit, die in ihrer Qualität bedeutend war, nannten sie Kairos.
Für mich ist es sehr sinnig, dass der Jahreswechsel in eine so dichte Zeit wie Weihnachten hineinfällt. Wir werden so daran erinnert, dass das Rad der Zeit, der Chronos, wie die Griechen sagen würden, nicht aufzuhalten ist.
Umgekehrt kann uns aber jedes Jahr wertvolle und bedeutende Momente bescheren, wie wir es an Weihnachten gefeiert haben und auch jetzt noch mit diesen freien Tagen, in denen wir viel Zeit gemeinsam verbringen, zu  nutzen versuchen.
Michael Ende umschreibt es im Roman «Momo» so: «Die Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.»
Um diese Herzensmomente geht es. Dazu braucht es allerdings eine grosse Offenheit, sonst wird der Kairos, der richtige Zeitpunkt verpasst.
Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen oder anhalten, das ruft der Jahreswechsel in Erinnerung.
Vielleicht ist ihnen das Plakat unserer Seelsorgeeinheit, das die Advents- und Weihnachtszeit prägte, noch im Kopf. Darauf ist/war ein Rad abgebildet und in der Radmitte, der Nabe eine Krippe zu sehen.
Je weiter man bei einem Rad nach aussen geht, desto schneller dreht sich dieser Punkt um den Mittelpunkt. Ein Punkt bei demselben Rad mit derselben der Drehzahl, der etwas mehr zur Mitte rückt, bewegt sich langsamer. Er hat den kürzeren Weg. Ganz in der Mitte liegt der Drehpunkt, der stillsteht.
Das Rad der Zeit lässt sich nicht aufhalten. Aber je nach dem, wie ich mich in der Zeit bewege, kann die Qualität ändern.
Schon George Orwell hat das erkannt, wenn er sagt: «Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.»
Ich kann mich auf dem Rad der Zeit zur Mitte bewegen und so weniger eilig an der Zeit vorbei gehen.
Bin ich ganz in der Mitte erfahre ich einen Hauch der Ewigkeit, Gott selbst der alles in allem ist und alles zusammenhält. Darum sind Momente der Stille so wichtig. Sei lassen mich spüren, dass ich mich in Gottes Hand geborgen wissen darf.
Wie beim Rad die Nabe alle Speichen verbindet, so will Gott unsere Mitte sein und uns alle verbinden, nicht nur untereinander, sondern auch mit der Ewigkeit.
Sinnigerweise ist die Krippe auf dem Plakat in der Mitte des Rades. Sie steht dafür, dass sich in der Zeit Himmel und Erde berühren können. Das ist dort, wo uns etwas zu Herzen geht, dort, wo mir die Zeit Herzensmomente beschert, dort wo ich mir Zeit nehme.
Ganz im Sinn von Ernst Ferstl, der schreibt: «Zeit die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.»
Es sind die besonderen Augenblicke, die uns viel geben können.
Michael Ende beschreibt das in Momo so:
«Es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke (…),
wo es sich ergibt, dass alle Dinge und Wesen,
bis zu den fernsten Sternen hinauf,
in ganz einmaliger Weise zusammenwirken,
sodass etwas geschehen kann,
was weder vorher noch nachher je möglich wäre.
Leider verstehen die Menschen sich im Allgemeinen nicht darauf,
sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber.
Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen grosse Dinge.»
Uns allen ist zu wünschen, dass diese Sternstunden im neuen Jahr nicht einfach vorübergehen, sondern wir von ihnen ergriffen werden. Sie lassen uns nahe bei uns selbst, bei den Menschen und bei Gott sein.
Auch wenn sich das Rad der Zeit unaufhaltsam dreht, gibt es diese Herzensmomente, in denen die Zeit scheinbar stehen bleibt und nur das zählt, was ist.
«Die schönsten Augenblicke sind die, in denen sich Raum und Zeit unendlich ausdehnen», sagt ein Sinnspruch.
Es sind jene Momente, die uns letztlich niemand mehr nehmen kann, die nicht zählbar sind, sondern in ihrer Qualität in ihrer Tiefe zählen.
Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben – das haben wir sowieso nicht in der Hand, sondern den Jahren mehr Leben.
Dass das mit Gottes Hilfe gelingt, das wünsche ich uns allen von ganzem Herzen. Prosit Neujahr! Wörtlich übersetzt heissen diese Worte fürs Anstossen: Es möge nützen! Mögen wir die Zeit für viele Sternstunden und Glücksmomente nutzen! In diesem Sinn nochmals: Prosit Neujahr!

Amen