Annemarie Marty

Overdressed – underdressed

Zwei Ausdrücke, die etwas über die richtige Bekleidung an einem Anlass, z. B. an einem Fest aussagen. Overdressed – zu schön angezogen, das war vor Jahren ein Kind im Zeltlager. Es rückte mit einem Haarföhn an, gekleidet mit weissen Hosen, an den Füssen ballettähnliche Schuhe. Das Kind war eindeutig zu schön angezogen für unser Zeltlager. Underdressed zu sein, habe ich selber mal erlebt. Eine Nachbarin war zu einer Hochzeit eingeladen. Da sie keine Fahrgelegenheit hatte, fragte sie mich, ob ich sie zur Feier fahre. Ich wollte sie eigentlich nur vor der Kirche abliefern, und sie dann nach der Feier, also in der Nacht wieder abholen. Das Brautpaar aber kam spontan auf mich zu und lud mich auch zum Fest ein, statt dass ich zweimal die doch recht weite Strecke fahren musste.
Beim Fest aber kam ich mir schon sehr underdressed vor: Ich in gewöhnlicher Hose und Pullover, alle andern Gäste in festlichen Kleidern. Die Herzlichkeit des Brautpaares und auch der Gäste zeigt mir aber bald: Es kam auf etwas anderes an: Auf Mitfreude, Fröhlichkeit, Offenheit. Und ich erinnere mich heute noch an Gespräche, die ich mit den Gästen geführt hatte, ohne dass ich sie nachher noch einmal sah.
Im heutigen Gleichnis ist auch jemand underdressed. Doch – so möchte ich einwenden – Der war doch genau so überraschend zum Fest eingeladen worden, von der Strasse weg, heisst es im Evangelium. Und jetzt soll er vom Festmahl gewiesen werden. In mir kommt ein „So gemein!“ auf.
Jesus vergleicht das Hochzeitsmahl mit dem Reich Gottes. Reich Gottes – Wir verbinden damit oft den Himmel. Das Reich Gottes wartet auf den Menschen im Tod, am Ende der Welt, meinen wir. Jesus sagt aber: Das Reich Gottes beginnt hier und jetzt. Es ist hier auf der Erde anfangshaft schon vorhanden. Er lädt uns ein hier und jetzt daran zu arbeiten.
Doch was für eine Kleidung braucht es dafür? Aus welchem Material soll unser Kleid denn beschaffen sein?
Bei meiner Erfahrung am Hochzeitsfest damals wurde das falsche Kleid wettgemacht mit Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Offenheit, Mitfreude. Für die Hochzeitsfeier im Sinne der Mitarbeit am Reich Gottes gibt Jesus durch sein Beispiel die Bekleidungsvorschrift: Seine Kleider, d. h. sein Leben war gewoben aus Offenheit für Menschen am Rande, mit Fäden, die von der Suche nach Gerechtigkeit erzählen, aus Material, das seine Beziehung zum himmlischen Vater aufleuchten lässt.
Wenn der Prophet Jesaja in der Lesung vom Festmahl spricht, zu dem alle Menschen geladen sind, dann weist Jesus in seinem Gleichnis darauf hin, dass niemand überheblich sein soll, niemand andere ausschliessen, niemand ungerecht handeln und urteilen soll.
Das Kleid, das Jesus zum Hochzeitsmahl, zur Mitarbeit am Reich Gottes, verlangt, soll ein Kleid sein, das Platz lässt für alle am Fest.
So stellt sich die Frage an uns: Aus welchem Material ist unser Kleid beschaffen, mit dem wir als Christinnen und Christen am Reich Gottes arbeiten? Ist es zwar ein prunkvolles Kleid, das aber mehr Schein und Trug ist, in dem wir aber overdressed sind für unsere Aufgabe, mit andern zu teilen, gerecht zu handeln, allen einen Platz am Hochzeitsmahl zuzugestehen?
Oder sind wir underdressed? Farblos und schäbig angezogen, so dass unsere Verbindung mit Jesus Christus und unsere Nachfolge gar nicht zum Leuchten kommt.
In der Bekleidungssprache spricht vom Dress-Code, von der Kleider-Ordnung. Lassen wir uns immer wieder den richtigen Dress-Code für unser Leben erklären von Jesus Christus selber, von seinem Beispiel, von seinem Leben.