Jürg Wüst

Lesung:           Röm 8, 26-27
Evangelium: Mt 13, 24-30

 

Liebe Gläubige

Letzte Woche habe ich in der Zeitung gelesen, dass es laut Forschern nicht mehr lange dauert, bis Computer nebst der höheren Intelligenz uns Menschen auch betreffend Kreativität und Lernfähigkeit übertreffen werden. Das tönt einerseits sehr spannend, dass es uns Menschen durch unsere Kreativität gelingen wird, noch kreativere Maschinen zu schaffen. Andererseits tönt das Ganze aber  sehr unheimlich und ich werde ans Gedicht «Zauberlehrling» von Johann Wolfgang Goethe erinnert. Der alte Hexenmeister ist ausser Haus und sein Lehrling verzaubert die Besen, die ihm – jetzt lebendig geworden - immer mehr Wasser vom Bach ins Haus tragen, bis dieses im Wasser fast untergeht. Dann folgt der berühmte Hilfeschrei: 

 

Und sie laufen! Nass und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen:
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist gross!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

 

Welche Geister haben wir Menschen mit dem technischen Fortschritt schon gerufen! Ob sie sich positiv oder ob sie sich negativ auswirken oder ausgewirkt haben, liegt nicht an den Erfindungen selbst. Er wäre falsch die Forschung zu verteufeln. Entscheidend ist immer, was wir Menschen daraus machen. Wir haben das in der Hand. Wir haben es auch in der Hand, wenn die Technik überhandnimmt. Das fängt schon im Kleinen an. Ich kann mich von diesem Gerät (Handy) diktieren und befehlen lassen. Ich kann es aber auch im richtigen Mass für mich und meine Kontakte nutzen. Dennoch, es ist schon so, dass die Gefahr besteht, und es uns gehen könnte wie dem Zauberlehrling, dass wir nicht mehr alles im Griff haben. Auch im heute gehörten Evangelium hat der Bauer nicht alles im Griff. Er hat zwar guten Samen auf die Erde gesät und es ist dennoch Unkraut gewachsen. Seine Haltung ist dabei faszinierend. Als er von seinen Knechten auf das Unkraut angesprochen wird, stellt er ganz nüchtern und ohne zu verurteilen fest: «Das hat ein Feind von mir getan.» Für den Bauern ist klar. Er trägt die Verantwortung für das Unkraut nicht. Er selbst weiss von sich, ich habe guten Samen und kein Unkraut gesät. Jetzt ist es dennoch da. Positives und Negatives gehören zum Leben. Für manches tragen wir die Verantwortung, für manches nicht. Der Bauer weiss um sein eigenes Handeln. Als dann seine Knechte den Vorschlag bringen, das Unkraut auszureissen, bleibt er ruhig und sagt: «Nein, sonst reisst ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.» Das würde er sicher nicht sagen, wenn er nicht überzeugt wäre, dass der Weizen, also das Gute, das er gesät hat, überwiegt. So kann er gelassen sein. Und er kann warten bis zur Ernte. Dann gilt es zu unterscheiden, was zum Korn und was zum Unkraut gehört. So ist es auch mit dem technischen Fortschritt. Wir Menschen erfinden vieles und das dürfen und sollen wir auch. Entscheidend sind die guten und positiven Absichten. Wir müssen uns aber bewusst sein. Wir haben nicht alles in der Hand. Der Fortschritt kann sich auch gegen uns wenden. Bei allem, was wir sähen wird auch die Zeit der Ernte kommen, dann gilt es abzurechnen und zu entscheiden, was dem Leben hilft und was dem Leben schadet. Nicht alles führt uns zum Guten. Beim Beispiel mit den Computern, die uns an Kreativität und Lernfähigkeit übertreffen werden, wird wohl die Grenze dort gezogen werden müssen, wo wir uns abhängig machen werden von den Maschinen. Das wird dort sein, wo wir vergessen, dass wir Menschen noch mehr sind als intelligente, kreative und lernfähige Wesen. Das werden auch Computer sein können. Wir sind aber mehr, wir haben eine Seele. Wir können ein Herz füreinander haben. Wir können Empfindungen pflegen. Wir können staunen über die Grösse der Welt und Natur. All das kann eine Maschine nicht. Und weil wir uns von solchen Maschinen unterscheiden, sind wir alle hier. Suchen Erholung an Leib und Seele, um gestärkt in den Alltag zu gehen, wo wir auch im Kleinen nicht alles im Griff haben werden, wie es die folgenden Worte ausdrücken:

Herausforderung habe ich säen wollen, Verletzung geerntet.
In Zuversicht habe ich gesät, Unverständnis geerntet.

Phantasie habe ich säen wollen, Banalität geerntet.
In Tränen habe ich gesät, Resignation geerntet,
Aufbruch habe ich säen wollen, Stillstand geerntet.
In Einsamkeit habe ich gesät, Isolation geerntet.
Lebendigkeit habe ich säen wollen, Erstarrung geerntet.

Der Bauer im Gleichnis bleibt gelassen. Er weiss, dass er guten Samen ausgesät hat und darum nicht nur Unkraut ernten wird. Das Gleichnis sagt uns: Habt Geduld. Auch wenn nicht alles gelingt, wird die Zeit der Ernte kommen und ihr werdet viel positives Ernten können. Darum dürfen und können die Worte ergänzt:

Zuversicht, Aufbruch und Lebendigkeit habe ich gesät und auch geerntet
Über Nacht sind mir gesät worden Samenkörner der Hoffnung.

Sie ernte ich zum Überwintern.