Jürg Wüst

Lesung: 1 Petr 2,3-5

Ihr habt erfahren, wie gütig der Herr ist. Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen!

Evangelium: Mk 1, 16-20

Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich liessen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie und sie liessen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Predigt

Liebe Gläubige

Es gibt keinen Stein zweimal. Jeder ist ein Unikat, im Verlauf der vielen Jahre zu dem geworden, was er ist. Einzigartig im Aufbau, in der Struktur und Form. Die Geologen unterscheiden Steine, die zu den Ablagerungsgesteinen, den Sedimenten und solche, die zu den vulkanischen Gesteinen und solche, welche zu den Metamorphiten gehören, die durch Druck im Berginnern entstehen. Nebst raren Edelsteinen gibt es ganz gewöhnliche Steine. Es gibt runde, kantige, grosse, kleine. Wir haben es mit einer grossen Vielfalt zu tun. Das sind wir uns nicht immer bewusst, vor allem auch dann, wenn wir uns in modernen Häusern oder Gebäuden aufhalten. Unsere heutigen Bauten bestehen vielfach aus Backsteinen und Beton. Da ist die Vielfältigkeit an einem kleinen Ort. Ein bisschen anders sieht es bei unserer Gommiswalder Kirche wie bei manchen älteren Gebäuden aus. Wenn man den Turm hinaufsteigt, sieht man, dass die Mauern mit ganz unterschiedlichen Steinen gebaut wurden. Da gibt es solche, die sind eher rechteckig, andere mehr rund, es gibt grob behauene oder glattere, solche, die waagerecht andere, die senkrecht eingebaut wurden. Dies alles versteckt sich unter dem Verputz. Wohl ein so gebautes Gebäude hatte der Verfasser des ersten Jakobusbriefes vor Augen als er forderte: «Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen!»

Welcher Stein sind Sie? Gehören Sie zu den eher kleinen, unscheinbaren Steinen, die aber doch für den Halt der Mauer wichtig sind? Oder sehen Sie sich als massiven Steinquader, der für wesentliche Stabilität sorgt? Sehen Sie sich als etwas schiefen, wackligen Stein, der den Halt von anderen sucht. Oder als mittelgrossen, durchschnittlichen Stein, der für eine regelmässige Mauerstruktur sorgt? Entscheidend für den Verfasser des Jakobusbriefes ist die Form der Steine nicht. Er sagt nicht, schaut, dass ihr diese oder jene Form habt. Er fordert keine perfekten, quadratischen und glatt behauenen Steine. Damit ich mich in das geistige Haus Kirche einbauen lassen kann, muss ich keine Vorbedingungen erfüllen. Ich muss nicht besonders glattgeschliffen oder gar heilig sein. Das waren schon die Apostel damals nicht, die dem Ruf Jesu wie Jakobus, unser Kirchenpatron, gefolgt sind. Entscheidend fürs Haus Gottes ist die Lebendigkeit: «Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen!» Lebendigkeit setzt Vielfalt und Unterschiede voraus. Ich darf mich meinen Ecken und Kanten, mit meinen ungeschliffenen Seiten in die kirchliche Gemeinschaft einbauen lassen. Mal bin ich vielleicht, der kleine Stein, der den Halt von anderen braucht, mal bin ich der starke, grosse Stein, der Halt geben kann. Das kirchliche Mauerwerk ist keines aus nur gleichen Backsteinen. Es ist vielmehr eine aus unterschiedlichsten Steinen aufgebaute Mauer, die ihre Schönheit in der lebendigen Form findet. Für einen Mauerer ist es ganz sicher herausfordernder, aber auch viel spannender, aus ganz unterschiedlichen Steinen eine Mauer zu bauen. Gott, unser Baumeister, darauf dürfen wir vertrauen, versteht sein Handwerk. Ihm gelingt es mit allen Formen der Steine umzugehen; ob sie nun von Natur aus kantig und eckig sind oder ob sie im Fluss des Lebens schon einige Kanten und Ecken zugunsten von Rundungen verloren haben. Gott schafft es, aus ganz unterschiedlichen Steinen eine stabile und schmucke Mauer zu bauen. Er hinterlässt keinen unförmigen, losen Steinhaufen, sondern kann jeden Stein gebrauchen und in seine dennoch stabile Mauer einbauen. Und zudem baut Gott seine Mauer nicht auf einen instabilen Untergrund. In Jesus Christus haben wir das starke Fundament, das der Mauer ebenfalls die nötige Stabilität verleiht. So schreibt denn auch der Apostel Paulus treffend an die Gemeinde in Korinth: «Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.» Das wünsche ich uns allen persönlich, aber auch als Pfarreien und Seelsorgeeinheit, dass wir das erkennen: Das Fundament ist in unserem Glauben gelegt, so dass wir unser Lebenshaus auf festem Baugrund errichten können. Das Fundament ist aber auch gelegt, was unsere kirchliche Gemeinschaft angeht, zu der uns Gott tagtäglich neu aus den ihm zur Verfügung stehenden lebendigen Steinen aufbaut. An uns ist es, wie Simon und Andreas, Jakobus und Johannes mitten aus dem Alltag heraus und ohne religiöse Grundbildung oder andere Voraussetzungen den Ruf Jesu zu hören und anzunehmen: «Kommt her, folgt mir nach!» Oder wie es im Petrusbrief formuliert war: «Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen!» Amen