Jürg Wüst

Lesung                 Jes 6, 1-2a.3-8                                      
Evangelium
        
Lk 5, 1-11

Liebe Gläubige

Wir Menschen haben den Hang, das Perfekte und Vollkommene in unserer Welt zu suchen. Momentan sind die Skiweltmeisterschaften und da zeigt sich, dass eigentlich nur der erste rang so richtig zählt. Weltmeister oder Weltmeisterin muss man sein. Das Andere ist Nebensache. Sich Schwachheiten und Mängel einzugestehen ist sehr schwierig. Noch schwieriger wird es, wenn es um Schuld geht. Auch die Kirche tut sich schwer damit, sich einzugestehen, dass die Mitglieder – und davon ist auch das Personal nicht ausgenommen – schwach sein können und immer wieder schuldig werden. Ganz schwierig ist es im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch, klar und deutlich Stellung zu nehmen und die Taten zu verurteilen und auch die Täter zu bestrafen, ohne unter den Teppich zu wischen, aber auch ohne gleich die ganze Kirche in den Abgrund zu stürzen. Sexuelle Übergriffe, sexueller Missbrauch muss auf allen Ebenen in und ausserhalb der Kirche bekämpft und aufgedeckt werden. Dazu gibt es kein Wenn und Aber. Papst Franziskus erkennt das mittlerweile immer deutlicher. Ich bin dankbar, dass darum in unserem Bistum schon vor 10 Jahren ein Fachgremium auch mit kirchenexternen Personen geschaffen wurde. Es ist zu hoffen, dass die Kirche weltweit deutlicher wird im Anerkennen und Aufdecken von Schuld.

Ich meine, es wäre sicher einfacher, eine klare Linie zu haben, wenn wir Menschen uns grundsätzlich eingestehen würden, dass niemand perfekt und jeder Mensch fehlerbehaftet ist. So könnten wir auch im Blick auf die Kirche, so wie es im zweiten Vatikanischen Konzil betont wurde, gelassener sagen, dass sie zwar einerseits heilig – weil zu Gott gehörig – aber auch - und das hat das Konzil ebenfalls betont - sündig ist. Wo der Blick auf das «Sündhafte» ausgeblendet und nur das «Heilige» betont wird, besteht die Gefahr, wirkliche Schuld ausblenden und verdecken zu wollen. Und das geht nicht! Das muss die Kirche momentan schonungslos erleben und das ist trotz allem Schmerz auch gut. Die Bibel geht, was Schuld und Sünde angeht nüchterner vor. Sie blendet Schuld und Sünde nicht aus und lädt uns ein offen zu sein. Wie sonst wäre es zu verstehen, dass auch unter den Berufungen der Propheten keine heiligen und makellosen Menschen zu finden sind. Wie hiess es in der Lesung heute aus dem Mund Jesajas, als er sich in einer Vision vor Gottes Thron sah: Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen! Es wird nicht beschönigt: Mit der glühenden Kohle, die die Lippen berühren, wird ausgedrückt, dass Schuld nie harmlos ist.

Dann heisst es aber: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt. Nach der Ankündigung der Sühne kommt die Frage: Wen soll ich senden? Und Jesaja antwortet trotz schuldhafter Vergangenheit: Hier bin ich, sende mich! Die Bibel weiss darum, dass auch unter den Berufenen keine vollkommenen Menschen sind. Und so ist jede und jeder fehlerbehaftet und gleichzeitig berufen für den Glauben Zeugnis abzulegen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Bei Missbrauchsfällen und insbesondere bei Kindsmissbrauch gibt es, keine Möglichkeit den Beruf in der Kirche auch nach gesühnter Strafe auszuüben. Bei spezifischen Berufungen in den Dienst der Kirche muss grosse Sorgfalt aufgewendet werden. Und da gibt es keine Kompromisse. Aber das Wissen darum, dass niemand perfekt ist, lässt uns gelassener sein und hilft Schuld und Sünde nicht zu verdrängen oder gar unter den Teppich zu wischen. So kann der Blick für das frei werden, wofür Gott uns braucht, für das, was Gott von uns möchte, wozu er uns ruft. Auch unter den Jüngern des 12er-Kreises waren keine perfekten, vollkommenen Menschen. Sie waren selbst in ihrem Beruf als Fischer manchmal erfolglos. Im Evangelium haben wir gehört wie Simon Petrus Jesus zu Füssen sass und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. Und wir haben gehört von der enttäuschenden Nacht, in der sie nichts gefangen hatten. Das ist für Jesus nicht entscheidend. Entscheidend ist der gute Wille und die Bereitschaft, die Netze des Glaubens immer wieder auszuwerfen und es noch einmal zu versuchen, im Vertrauen darauf, dass Gott uns unsere Netze füllen wird. Nicht wir haben es im Griff, was sich aus der Tiefe des Sees, aus der Tiefe der Seele fischen lässt. Gott ist es, der uns und ganz besonders all jenen, die Enttäuschungen erleben mussten, die Lebensnetze wieder unverhofft füllen kann. Und dazu braucht es manchmal das klare Eingeständnis, dass mir Unrecht geschehen ist. Erst so können schlimme Wunden, wie nach einem Missbrauch, langsam heilen oder wenigstens weniger schmerzen. Beten wir darum, dass in unserer Kirche ganz viele Menschen sich vom Ruf in die Nachfolge - im Wissen um die eigenen Grenzen - treffen lassen und beten wir darum, dass ganz viele Menschen erfahren dürfen, dass in der Kirche andere Menschen nach bestem Wissen und Gewissen zusammen mit ihnen die Lebensnetze auswerfen im Vertrauen, dass Gott um unsere Misserfolge weiss und darum dafür sorgt, dass aus dem Reichtum und der Tiefe des Glaubenssees immer wieder auch Nahrung fürs eigene Glauben, Hoffen und Lieben an Land gezogen werden kann.

Amen