Jürg Wüst

Lesung:             Sir 3, 17–18.20.28–29
Evangelium:     Lk 14, 1.7–14

Liebe Gläubige
Das eben gehörte Evangelium unterstreicht eindrücklich, wie Jesus es verstand aus Lebenssituationen heraus, den Menschen «seinen Weg zu leben» deutlich zu machen. Jesus ist bei einem Pharisäer eingeladen und beobachtet, wie viele der Gäste sich Ehrenplätze suchen.
Für ihn ist diese Begebenheit Anlass, den Menschen seine Sicht der Dinge aufzuzeigen.
In der von Lukas erzählten Geschichte legt Jesus dar, wie wir uns als Gäste und wie als Gastgeber verhalten sollten.
Es wird schnell deutlich, dass Jesus hier nicht vorrangig die konkreten Situationen im Alltag meint, wo wir selbst Gast oder Gastgeber sind, sondern dass er durch die beiden Rollen «Gastgeber sein» und «Gast sein» Grundhaltungen für das Leben allgemein erklären möchte.
Was ist damit gemeint? Nehmen wir das «Gast sein»:
Jesus sagt im Blick auf das «Gast sein»: Nimm nicht den Ehrenplatz ein. Sei dir bewusst, dass es wichtigere Personen geben könnte.
Hinter dieser Anweisung wird als Grundhaltung für das Leben «Bescheidenheit» sichtbar.
Wenn wir ehrlich sind, ist das doch eine sehr aktuelle Forderung, wenn auch nicht einfache Forderung. Wir alle wissen, dass unser Lebensstil mehr Ressourcen verbraucht als zur Verfügung stehen. Schon im Juli hat die Weltbevölkerung all das aufgebraucht, was die Welt an Ressourcen in einem Jahr aufbringen kann.
Hinter dem Begriff Bescheidenheit steckt aber auch ein weiterer Aspekt.
Passend dazu haben wir den Text aus dem Buch Jesus Sirach heute als Lesung gehört:
17Mein Sohn, bleibe bei all deinem Tun bescheiden. Je grösser du bist, umso mehr demütige dich!
«Demütige dich» ist ein vielleicht missverständliches Wort. Wir verbinden es schnell mit «gedemütigt werden». Das ist hier nicht gemeint. Wir müssen uns nicht ehrlos sehen oder gar unbedeutend machen. Gemeint ist eher das, was im ursprünglichen Wortsinn steckt: Demut, der «Mut zum Dienen»: «Dien-Mut» wie es althochdeutsch hiess.
«Demütige» Menschen möchte Jesus. Menschen, die als Grundhaltung den Dienst für die anderen sehen. Der Heilige Magnus, den wir heute hier mit dieser Kirche feiern, war als Einsiedler Beispiel für die Bescheidenheit und Demut. Er diente mit seinem einfachen Leben den Menschen. Darauf weisen auch die Legenden, welche erzählen, dass Magnus auf Schlangen und Dämonen traf und diese durch Kolumbans Abtstab vertrieb.
Wundererzählungen zufolge überwältigte Magnus einen Drachen, der ihm und wohl auch anderen Menschen den Weg versperren wollte; dies wird für mehrere Orte erzählt.
Im alpenländischen Raum verehrte man ihn darum als Schutzpatron und Nothelfer gegen Mäuse-, Raupen- und Engerling-Plagen.
Das Dasein für die Menschen zeigt sich heute in anderen Formen als zur Zeit des Heiligen Magnus, als die Welt noch ganz anders war als heute. Geblieben ist die Grundhaltung der Bescheidenheit, welche schon Jesus mit dem Bild des «Gastseins» predigte. Das führt uns zur zweiten Rolle, die Jesus in seiner Gleichnisrede anführt:
Es geht um die Rolle des Gastgebers:
Jesus legt sehr viel Erwartungen in diese Rolle. Der Gastgeber muss in seinen Augen jenen Menschen Gastgeber sein, die nicht vorrangig eingeladen werden zu einer Hochzeit: Im Evangelium ist die Rede von: Armen, Krüppeln, Lahmen und Blinden.
Jesus setzt damit als Grundhaltung eine grosse Offenheit voraus. Jesus geht es darum, den Blick für alle zu öffnen und nicht nur einen Teil der Menschen oder Teilinteressen im Blick zu haben.
In der Bergpredigt sagt Jesus:
«Ihr aber sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.»
Ja, Jesus verlangt viel von uns ab. Vollkommen sind wir nicht und eigentlich nie. Es wäre sogar fatal, wenn wir hier in einen überfordernden Perfektionismus verfallen würden, wie er allzu oft in unserer Gesellschaft heute gepflegt wird. (Es gibt ja kein Scheitern!)
Aber für Jesus sind Ideale eine treibende Kraft.
Vielleicht waren es auch die hohen Ideale des Evangeliums, die die Heiligen zu ihrem aussergewöhnlichen Leben ermutig haben.
Auf jeden Fall möchte das die von einem unbekannten Autor verfasste Lebensbeschreibung des Heiligen Magnus nahelegen. Die «Vita S. Magni», die um 895 verfasst wurde, umfasst exakt 28 Kapitel. Das ist kein Zufall.
Die Zahl 28 galt im Mittelalter als «numerus perfectus», als vollkommene Zahl, da die Summe ihrer Teiler (1+2+4+7+14 = 28) wiederum die Zahl 28 ergibt.
Der unbekannte Autor sieht in Magnus wohl einen Menschen, der im Sinn und Geist Jesu die hohen Ideale des Evangeliums zu den seinen eigenen machte.
Für uns heute könnte «Vollkommenheit» bedeuten, auch die Verlierinnen und Verlierer der heutigen Welt und Gesellschaft nicht zu vergessen.
Was geschieht, wenn Menschen nur ihre eigenen Interessen oder die Interessen von einzelnen Gruppen im Blick haben, zeigt sich momentan drastisch am brennenden Amazonas.
Vollkommenheit könnte bedeuten, auch die grossen Zusammenhänge in der Welt zu bedenken und entsprechend im eigenen Leben sich so auszurichten. Dass das nicht einfach ist, versteht sich von selbst, aber Jesus ermutigt uns, die schwächsten Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.
Zwei Worte wurden in der Betrachtung des Evangeliums und in der Betrachtung des Lebens des Heiligen Magnus deutlich: Bescheidenheit und Vollkommenheit.
«Bescheiden sein» und «vollkommen werden» ergänzen sich. Magnus lebte als Einsiedler einfach und bescheiden. Als Mensch wollte er in Sachen «Glaube» vollkommen werden.
Bescheidenheit und Vollkommenheit. Wir spüren, es sind Grundhaltungen, die über die Jahrhunderte kaum an Bedeutung verloren haben und heute noch herausfordern können und hoffentlich auch ein bisschen durch uns in Tat umgesetzt werden.

Amen