Jürg Wüst

Lesung:                  2 Kor 5, 14-17     

Evangelium:       Mk 9,38-48

Predigt:                                                                                                           

Liebe Gläubige

Sie wurden eben gerade mit drastischen und vielleicht für sie auch erschreckenden Bildern konfrontiert. An einem Sonntag Aussagen zu hören wie «mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen zu werden», «dem Abhacken von Gliedmassen» oder dem «nie erlöschenden Feuer der Hölle» ist nicht gerade Sonntagsmorgenkost. Zudem sind wir uns wohl auch nicht gewohnt, solche - doch unbarmherzigen - Aussagen mit Jesus in Verbindung zu bringen. Jesus war aber nicht nur den Menschen barmherzig zugewandt. Er war auch prophetisch radikal, wenn es um die Verteidigung der Gerechtigkeit ging. Wagen wir uns darum an den Text heran. Unser Evangeliumstext hat zwei Teile. In einem ersten Teil wird das Thema «Konkurrenzdenken» aufgegriffen. Ein solches hat nach Jesus bei Menschen, die sich um das Gute kümmern nichts verloren.

So weist er die Jünger zurecht, die beobachten, wie ein anderer im Namen Jesu Dämonen austreibt und diesen hindern wollen. In unserer Sprache heute heisst das, dass er Kranken hilft und sie von Sorgen und Nöten befreit. Jesus sagt klar: Hindert ihn nicht daran! Es kann für Jesus nicht darum gehen, die eigenen Privilegien zu verteidigen. Letztlich ist für ihn entscheidend, dass den Menschen geholfen wird. Die Notleidenden sind im Mittelpunkt. Wer hilft und in wessen Auftrag ist für Jesus nicht das Entscheidende. Entscheidend ist die richtige Praxis und dass die Menschen Nähe und Zuwendung erfahren. Für Jesus steht nicht die Jüngerschaft im Vordergrund! In diesem Sinn hat er ein weites Kirchenbild. Kirche ist überall, wo Menschen geholfen wird. «Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.» Übertragen auf heute heisst das, dass es auch uns in erster Linie um die Menschen gehen muss und nicht um Kirchlichkeit. Wenn im Evangelium dann noch der folgende Vers angehängt wird, kann deutlich werden, was das konkret heisst. «Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.» Hier wird klar gemacht: Konkrete Nächstenliebe geschieht in unscheinbaren Taten; nur einen Becher Wasser zu trinken geben.

Nicht auf das Sensationelle kommt es an, sondern auf die im Verborgenen geübte Liebe,

  • die dem Dürstenden ein Glas Wasser anbietet,
  • die dem Hungernden ein Stück Brot anbietet.
  • die dem kranken die Hand hält
  • die dem Einsamen Menschen etwas Zeit schenkt
  • die den Kindern die nötige Geborgenheit nicht vorenthält
  • die einem unbekannten ein Lächeln schenkt

Der gelebte Glaube hat sich also nicht in grossen und Aufsehen erregenden Taten zu bewähren, sondern in alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Ich bin froh, dass ich solche Selbstverständlichkeiten immer wieder erleben darf. Sie erzählen mir je neu von Gott und von seiner Liebe zur Welt. Sie erzählen davon, dass unser Gott ein heilender Gott, ein Gott der Güte  ist. Unser Evangeliumstext hat noch einen zweiten, wohl herausfordernderen Teil. Ich meine, dass er sich als Folge des vorhin Gesagten besser verstehen lässt. Für Jesus muss der Glaube zur Tat werden. Einerseits zeigt sich das in alltäglichen Liebesbezeugungen und andererseits – damit sind wir nun beim zweiten Abschnitt auch in einer radikalen Abkehr vom Bösen. In unserer Welt besteht - und wohl schon zu Jesu Zeiten war das der Fall - die Gefahr, das Böse, das Leben Zerstörerische in seiner negativen Kraft zu verkennen. Mit seinen harten Bildworten vom „Abhauen und Ausreissen“ will Jesus sicher nicht dazu aufrufen, sich zu verkrüppeln. Aber diese drastischen Bilder rufen zum entschlossenen Handeln gegen das Böse und das Leben Zerstörende auf. Bösartiges und gemeines Handeln ist nicht so einfach zu überwinden.

Es kann durch unsere Hände, durch unsere Füsse und unsere Augen geschehen.

- Hände können gewalttätig sein, verwunden, vernichten, können geballt sein und Angst machen.

- Füsse können Schwächere treten, können einen Umweg um Unrecht machen, können niedertrampeln

- Augen können weg sehen, können misstrauisch sein, verachten

Gegen all diese Lieblosigkeiten mit Händen und Füssen und Augen gilt es nach Jesus, entschlossen zu kämpfen. Sie gilt es auszumerzen. Damit sagt das heutige Evangelium auch: Du sollst dich nicht an das Böse gewöhnen! Jesus braucht Menschen, die in alltäglichen Kleinigkeiten entschlossen und entschieden das Böse bekämpfen, indem sie die eine Gegenwelt der Liebe aufbauen. Eine Gegenwelt, in der Menschen Heilung und Befreiung erfahren. Amen