Hans Hüppi

Lesung:                Jer 17,7-8

Evangelium:     Lk 6,17.20-26                                                   

Liebe Mitchristen
Jacques Gaillot, der ehemalige franz. Bischof von Evreux, sagte einmal, als er in der völlig überfüllten Metro von Paris hin- und herschüttelt wurde:
„Des Bischofs Halt sind die Menschen, die ihn von allen Seiten umgeben“.
Jedes von uns, das schon selber in ein seelisches Tief geraten ist, hat diese Erfahrung hoffentlich auch schon machen dürfen:
Mitmenschen um uns können einem Halt, Trost + Beistand schenken.
Auch Jesus selber hat das immer wieder erlebt. Und bei ihm waren das v.a. die sog. kleinen, einfachen Leute - die Armen - die ihn stützten, die ihm ihr offenes Herz schenkten.
So war es, als er damals in der Ebene unten, auf freiem Feld seine programmatische Predigt vom Reich Gottes verkündete.
Seine Zuhörer demonstrierten damit, dass sie Veränderungen wollen, dass:

  • sie nicht mehr von Großgrundbesitzern ausgebeutet werden wollen.
  • sie empfänglich waren für alles, was Heilung und Besserung versprach.
  • der Hunger ein Ende haben muss und ihre Perspektivenlosigkeit neue Hoffnung gewinnen will.
  • sie sich nicht mehr von religiösen Hierarchien unterdrücken lassen, die mit unzähligen Gesetzen und Vorschriften, die eigentliche Frohbotschaft Gottes mehr verdunkeln als ins rechte Licht rücken.

Genau solchen einfachen Leuten gratuliert Jesus! Diese preist er glücklich / selig.
Es sind allerdings eigenartige Glückwünsche. Dass man jemandem für besondere Leistungen gratuliert, verstehen wir.
Aber solchen gratuliert Jesus gerade nicht! (vermutlich waren die ja auch nicht anwesend)
Er gratuliert vielmehr den Suchenden, den Hoffenden, den Demonstrierenden, denen, die zu ihm ihm ins offene Feld gekommen sind: den Armen + Ausgegrenzten.
Keine Frage, auch heute gibt es mehr als genug Menschen, welche die eigenartigen Glückwünsche von Jesus aufstellen / ermutigen. Vielleicht sind es:

  • SchülerInnen, die nicht wissen, ob sie eine Lehrstelle bekommen.
  • Ehepaare, die sich quälen und um ihre Liebe kämpfen.
  • Eltern, die manchmal ein schlechtes Gewissen haben, weil sie zwischen Familie und Beruf hin- und hergerissen werden.
  • Enttäusche + Verbitterte, die sich radikalisieren.
  • Senioren, die nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben können.
  • Leute, die um einen lieben Mitmenschen trauern.
  • Christen, die beten wollen, aber nicht können, die glauben wollen und an der Kirche verzweifeln.

Ja, auch uns allen - mit den manchmal ganz versteckten Sorgen und Nöten - gelten die Glückwünsche Jesu. Wir werden selig gepriesen.
Aber Warum beglückwünscht Jesus ausgerechnet die Besorgten, die Leidenden?
Er war zutiefst davon überzeugt, dass Gott ein besonderes Herz für jene hat, bei denen nicht alles rund läuft.
Sein RG soll dort ankommen, wo es eben noch aussteht, wo Mangel und Not das Leben erschweren: Gerade die Armut muss überwunden werden. Die Belasteten sollen sich freuen, sollen wieder lachen können.
Aber – und das gilt es zu beachten – Gott hat ein Herz für die Armen nicht deswegen, weil die Armen besonders gut wären, sondern weil Gott selber gut ist. Gott sorgt wie ein liebender Vater, wie eine gute Mutter, zuerst für die schwächsten Kinder.
Da stellt sich uns die Frage:
„Wann und wie gehen denn die Glückwünsche Jesu in Erfüllung?“
Kann Armut überhaupt überwunden werden?

  • Die einen sagen: Auf dieser Welt ist das nicht möglich. Da müssen wir auf den Himmel warten.
  • Andere sagen: Doch, das wird auf dieser Welt möglich sein, nämlich dann, wenn Gott mit mächtigen Wundern eingreift.
  • Wieder andere – zu denen gehörten die Apostel Simon und Judas Ischariot – wollten das Reich Gottes mit Waffengewalt durchsetzen.

Von all dem will Jesus jedoch nichts wissen. Er vertraut vielmehr darauf, dass immer mehr Menschen von der Gesinnung Gottes erfasst werden und in seinem Geiste dafür sorgen, dass Hungernde satt und Weinende wieder froh werden.
Darum gibt Jesus häufig klare Anweisungen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ „Heilt die Kranken!“ „Tut Gutes, ohne etwas dafür zu erwarten!“
Das RG muss jetzt schon anbrechen! Durch dich + mich, soll Licht ins Dunkel kommen.
Gott wird uns dabei helfen. In Jesus hat er selber schon dafür gesorgt, dass die Belasteten neue Hoffnung schöpfen konnten.
Und mit den Wehe-Rufen im heutigen Evg. will er uns nicht Angst machen, sondern kundtun, wie dringend sein Anliegen ist.
Gerade glaubende - vertrauende - Menschen werden die Glückwünsche - diese Seligpreisungen Jesu - Ernst nehmen, weil Gott selbst sich dafür sorgt!
Aber ob die Armen sich früher oder später freuen können, das hängt dann auch von uns ab: Nämlich, ob wir uns von dieser Geistkraft Gottes anstecken lassen. Ob wir bereit sind, unsern Teil an tätiger Nächstenliebe beizutragen. Ob wir, wie`s der Profet Jeremia in der Lesung formulierte, ob wir «nicht aufhören Frucht zu tragen».