Jürg Wüst

Lesung:               Apg 2,1-11
Evangelium:    Joh 20,19-23

Liebe Gläubige

Das Pfingstfest lädt wie kein anderes fest ein, über den Glauben und die Kirche nachzudenken. Pfingsten ist so etwas wie die Geburtsstunde der Kirche. Ohne Pfingsten wäre der junge Osterglaube damals im Keim erstickt. Im Johannesevangelium ist die Rede davon, dass sich die Jüngerinnen und Jünger aus Angst eingeschlossen hatten. Ein Glaube, aber, der eingeschlossen ist, in einen Raum, ein Glaube, der verschlossen bleibt, ist kein Glaube, der Menschen bis heute bewegen kann. «Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.» So beginnt der Pfingstbericht des Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte. Damit ist eine ganz genaue Zeitangabe gemacht, welche weniger zeitlich als vielmehr inhaltlich Wir befinden uns exakt 50 Tage nach dem jüdischen Pessach. Die Juden haben damals wie sie es heute noch tun das grosse Fest Schawuot gefeiert. Schawuot heisst Wochen. Schawuot ist das jüdische Wochenfest, das 50 Tage, also sieben Wochen plus einen Tag nach dem Pessachfest gefeiert wird. Pfingsten leitet sich vom griechischen «Penekoste» ab und heisst der 50. Tag. Mit dem Fest Schawuot, das zu den Hauptfesten gehört, feiert das Judentum die Offenbarung der Tora, an das Volk Israel durch Mose. Das Judentum feiert also den Glauben, den das Gesetz des Mose beinhaltet. Laut jüdischer Tradition erhielt Israel über Mose nicht nur die schriftliche Form der Tora, sondern auch deren mündlich überlieferte Auslegung, die die schriftliche Tora jeweils aktualisiert. Die Tora, das Gesetz des Mose ist also nichts Statisches. Es ist etwas Lebendiges, etwas, das sich verändert, weil Menschen in einer anderen Zeit es auch wieder anders auslegen werden. So versteht das Judentum den Glauben. Glaube ist nichts Statisches, nichts in sich Geschlossenes oder gar Verschlossenes. Glaube ist etwas Lebendiges, etwas, das sich von Mensch zu Mensch verändert und doch in sich etwas Verbindendes hat. Der Glaube ist wie ein Band, das die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit das Gemeinsame, nämlich Gott, entdecken lässt. So sieht das Judentum den Glauben, so feiert es den Glauben 50 Tage nach Pessach. Ja und jetzt lässt sich verstehen, dass die biblischen Autoren sehr viel von dem verstanden haben, was an Glaubenstradition damals da war. Einige von ihnen waren im jüdischen Glauben aufgewachsen, aber selbst Lukas, von dem wir wissen, dass er Heidenchrist war und den jüdischen Glauben nicht direkt kannte, hat als Nicht-Jude viel verstanden und begriffen: Glaube ist lebendig, Glaube bewegt, Glaube verbindet über Sprachgrenzen hinweg, Glaube drängt nach draussen, Glaube überwindet Ängste… Darum braucht der Evangelist Lukas in der Pfingsterzählung dynamische Bilder:

  • Da ist das Brausen vom Himmel her, wie ein heftiger Sturm
  • Das ist das Feuer der Begeisterung, das sich verteilt.
  • Da sind die unterschiedlichen Sprachen, die verstanden werden.

Der Evangelist Johannes ist zurückhaltender. Für ihn ist der Heilige Geist der Atem, der Hauch Jesu. Damit ist aber auch etwas lebendig Machendes verbunden, weil der Atem an Gott den Schöpfer erinnert, der dem Menschen das Leben einhaucht. Der Heilige Geist wird von Johannes auch «Paraket» genannt. Dieses griechische Wort wird von Martin Luther mit Tröster übersetzt. Andere übersetzen mit Beistand oder mit Mutmacher. Aber auch hier: der Paraklet ermutigt zum Leben, zum Lebensfeuer. Er ermutigt, Glaube nicht als etwas Statisches, sondern als etwas Lebendiges zu sehen. Er ermutigt, Veränderungen nicht als Gefahr, sondern als Chance wahrzunehmen. «Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist», haben wir heute bei Johannes gehört. Nachfolge Jesu ist ebenfalls nichts Statisches. Die Nachfolge Jesu lebt von uns allen, von unseren Begabungen und unseren Talenten. Die Kirche ist damit so lebendig wie wir aus dem Geist Gottes leben. Auch Kirche will und soll nichts Statisches sein. Sie liebt mit und durch uns.

 

Gott,
ich träume von einer Kirche,
die immer neue Wege zu den Menschen sucht
und erprobt mit schöpferischer Phantasie,
die die frohe Botschaft frisch und lebendig hält.

Ich träume von einer Kirche,
die offen ist für das Anliegen Christi
und sich deshalb interessiert für das Leben der Menschen
und für die Erneuerung der Welt
im Geiste Jesu.

Ich träume von einer Kirche,
die eine Sprache spricht, die alle verstehen,
auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene,
in der sich auch alle spontan und lebendig
ausdrücken können,
die Raum lässt für Initiative und Mitentscheidung.

Ich träume von einer Kirche,
die prophetisch ist
und die ganze Wahrheit sagt,
die Mut hat, unbequem zu sein
und die unerschrocken das Glück der Menschen sucht.

Ich träume von einer Kirche,
die Hoffnung hat,
die an das Gute im Menschen glaubt
und die gerade in einer Welt voll Furcht und Verzweiflung
voll Freude auf Gottes Führung baut.

Gott, hilf mir, dass ich an dieser Kirche mitbauen kann.