Jürg Wüst

Lesung:                                                 Offb 21, 1-5a
Evangelium:                                       Joh 13, 31-33a.34-35

Liebe Gläubige
Die Wohnung oder das Haus, wo wir leben, ist das Spiegelbild der Seele, sagt die Psychologie. Die Räume, in denen wir leben, verraten viel über uns selbst. In einem Ratgeber für die Partnersuche heisst es darum: «Sag mir, wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist.» Es hat schon etwas an sich. Wir gestalten unsere Umgebung, unseren Wohnraum so, dass wir uns wohl fühlen. Unser Daheim formt die Persönlichkeit und umgekehrt formen wir mit unserer Persönlichkeit unseren Lebensraum. Jemand, der es schnörkellos mag, richtet sich dementsprechend anders ein, als jemand, der die Verspieltheit von Linien und Konturen mag. Wo und wie wir wohnen, sagt unweigerlich etwas über uns selbst aus. Umgekehrt kann man auch aufgrund der Wohnsituation Rückschlüsse auf die Person ziehen.
In einem Schloss wohnt, wohl eher kein Arbeiter und in einer Arbeiterwohnung wohl kein CEO.
Übertragen wir das einmal auf Gott. Ein Gott, der im Himmel wohnt, ist wohl ein anderer, als der der sich die Wohnung hier auf der Welt sucht.
In der Lesung aus der Offenbarung des Johannes, die mit unzähligen Bildern und Visionen den Glauben ausdrückt, war die Rede von einer ganz neuen Erde.
«Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen»
Das neue Jerusalem kommt vom Himmel herab und setzt einen Neuanfang für die Welt. Diese neue Stadt wird mit einer Braut verglichen: «Sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.»
Es wird schnell klar, Jerusalem hat sich für Gott bereit gemacht. Nach der Vorstellung des Schreibers der Offenbarung nimmt Gott in diesem neuen Jerusalem Wohnung: «Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen!»

Gemeint ist damit Jerusalem.

Aber:

  • Was ist das für ein Gott, der nicht im Himmel, sondern unter den Menschen, mitten in der Stadt wohnen will?
  • Was ist das für ein Gott, der den lärmenden und staubigen Strassen Jerusalems den Vorrang gibt gegenüber der luftigen Höhe des Himmels?
  • Was ist das für ein Gott, der Wohnung nimmt in den Strassen und engen Gassen bei den Menschen und nicht dort, wo man ihn als erstes suchen würde, nämlich im Himmel?
  • Was ist das für ein Gott, der nicht die Abgeschiedenheit des Himmels sucht, sondern mitten unter den Menschen wohnt?

Es muss ein Gott sein, dem die Menschen am Herzen liegen. Anders kann man sich den Wohnwechsel vom Himmel auf die Erde zu den Menschen nicht vorstellen.
Für den Schreiber der Offenbarung des Johannes ist aber genau dies die Realität. Er umschreibt keine Vision der Zukunft. Für ihn ist klar: Gott hat in und durch Jesus Christus Wohnung genommen unter den Menschen.
Das ist das christliche Bekenntnis bis heute: In Jesus von Nazareth, seinem Geist und dem Auferstandenen Christus hat Gott Wohnung genommen unter uns Menschen.
Wir glauben damit an einen Gott, der nicht unnahbar über allem thront. Wir glauben an einen Gott, den das Schicksal der Menschen nicht kalt lässt, weil er bei und mit ihnen wohnt. Wir glauben an einen Gott, der unsere Freuden und Sorgen, und unsere Tränen kennt.
Dafür gibt es viele Bilder und Erfahrungen, die das unterstreichen möchten, wie Gott bei den Menschen wohnt und wie er sein will:
Da ist Weihnachten mit der Krippe, wo das göttliche Kind am Rand der Gesellschaft auf die Welt kommt.
Da ist Jesus, der diese Menschen am Rand später als Erwachsener in die Mitte stellt und heilt.
Da ist Jesus, der das Kreuz trägt und am Kreuz mit dem Schrei der Gottverlassenheit stirbt.
Da sind die Frauen, die am Grab neue Hoffnung schöpfen und trotz der Todeserfahrung die Gegenwart des Auferstandenen spüren.
Da ist aber auch das eucharistische Brot und die Gottesdienstgemeinschaft. Da sind jene Momente, wo wir heute Trost und Kraft erfahren, wo, wie es in der Lesung hiess, Tränen von den Augen abgewischt werden, ja kurz, dort wo wie wir lieben, wie er uns geliebt hat, wie es das Evangelium zusammenfasst.
Das ist das Vermächtnis Jesu:
Gott lässt sich im Menschensohn verherrlichen und nicht thronend im Himmel.
In anderen Worten: Gott ist ein Gott, der die Wohnung des Himmels mit der Wohnung bei den Menschen eingetauscht hat, weil ihm die Menschen am Herzen liegen, weil er nichts als die Liebe ist.

Amen