Jürg Wüst

Lesung:                     Jes 43, 16-21
Evangelium:          Joh 8, 1-11     

Liebe Gläubige
Vielleicht haben Sie es schon gelesen: Unser Motto für die Kar- und Osterzeit ist «Osterwende». Der Text im Pfarreiforum auf der ersten Seite des Seelsorgeeinheit Obersee-Teils im Kästchen mit Bild hinterlegt, ist Ausdruck dieser Wende. Er wirkt ganz anders, ob man ihn von oben nach unten oder von unten nach oben liest. Der Text nimmt in sich eine Wende von Negativen zum Positiven. Genauso wie Ostern eine Wende bringt vom Tod des Karfreitags zum Leben. Das heutige Evangelium nimmt diese Wende eigentlich vorweg. Die Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde, ist am Ende. Sie erwartet der Steinigungstod als Strafe für ihr vergehen. Es gibt kein Zurück. Auf jeden Fall sind sich da die Schriftgelehrten und Pharisäer einig. Diese Frau muss bestraft, und damit hingerichtet werden. Mit Jesus nimmt die Geschichte eine entscheidende Wende! Vom Negativen zum Positiven, von der Verurteilung zu einem Neuanfang, vom Tod zum Leben. Symbolisch findet diese Wende Ausdruck darin, dass Jesus zunächst in den Sand schreibt: Für ihn ist die Vergangenheit der Frau nicht in Stein gemeisselt. Für ihn ist auch das Vorgehen der Pharisäer nicht in Stein gemeisselt. Sie werden ja dann die Frau nicht steinigen. Jesus schreibt in den Sand, weil im Sand Geschriebenes verändert werden kann. Spuren können sich mit der Zeit verwischen und einem Neuanfang weichen. Übrigens nimmt der Künstler Uwe Appold auf dem Hungertuch mit den Schriftzeichen unten links bewusst auf diese Geschichte Bezug. Jesus der mit dem roten Kreuz und den Zeichen IX den Rahmen für das Geschriebene gibt, kann die Wende einleiten. Die Liegende Acht steht für die Unendlichkeit, die in die Geschichte einbricht. Die Linie zeigt rechts nach oben… Die Linie deutet auf die Auferstehung hin. Genauso, wie das Aufstehen Jesu in der Geschichte für die Auferstehung steht. Jesus steht auf, er kann den Pharisäern und Schriftgelehrten klar machen: Eigentlich steht die Frau nicht allein. Jeder Mensch ist auf Barmherzigkeit angewiesen. Niemand ist da ausgenommen: «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.» Das hat mit der Auferstehung, das hat mit Ostern zu tun: Gottes Barmherzigkeit ist so gross, dass niemand verloren ist. In einem Text heisst es entsprechend:
So sieht Jesus die Dinge:
nicht Abrechnung, nicht Vergeltung,
sondern grenzenloses Erbarmen
und ein tiefes Verständnis für Menschen in Not.
Doch die übrigen, die dabei sind,
die sehen das anders:
sie beurteilen, sie werten, sie ordnen ein, legen fest.
Für sie gibt es nur ein «Entweder - oder».
Für Schwäche, für Versagen gibt es da keinen Platz.
Ganz anders bei Jesus. Bei ihm hat das alles Platz. Gott wendet sich jedem Menschen zu. Diese göttliche Zuwendung findet deutlich Ausdruck indem Jesus nochmals aufsteht, nachdem alle gegangen sind. Er ist jetzt auf Augenhöhe mit der Frau. Nicht wie die Pharisäer von oben herab. Jesus ermöglicht das Leben, indem er der Frau in die Augen schaut. So kann er ihre Angst, ihre Scham, ihre Not, ihre Verzweiflung, aber auch ihre Sehnsucht nach Leben, ihr Wille zu einem Neuanfang erkennen. Ja und dieser Neuanfang ist der Frau am Ende geschenkt: «Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!» Wir haben es damit mit einer österlichen Geschichte zu tun. Wo Menschen in Sackgassen geraten sind, da will Gott sie aus der Sackgasse herausführen, da will er ihnen neue Perspektiven eröffnen. So wie es in der Lesung hiess: «18Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.19Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste.» Der Frau in der Geschichte wurde das Leben neu geschenkt. Auch uns schenkt Gott das Leben immer wieder neu. Die Fastenzeit gibt Gelegenheit dazu uns bewusst zu machen, wo unsere eigene Lebensgeschichte eine Wende zum positiven nehmen könnte und nehmen möchte. Gott sagt uns allen, dir und mir, genauso wie Jesus der Ehebrecherin: Fasse Mut, hab Vertrauen: Es gibt auch für dich einen Platz im Leben und die Kraft ihn zu finden. Amen