Jürg Wüst

Lesung:                Ez 17, 22-24

Evangelium:     Mk 4, 26-34                                                   

 

Liebe Gläubige

Wenn man den Prognosen glauben darf, dann können in diesem Jahr hier bei uns in der Schweiz viele Früchte geerntet werden. Die klimatischen Bedingungen waren bis jetzt hervorragend, so dass das Wachstum eine grosse Ernte verheisst - auch wenn die letzten Gewitter und die Regenfälle ungewöhnlich heftig ausgefallen sind. Es ist schon beeindruckend, wie jetzt in der Natur alles grünt und wächst. Als moderne Menschen sind wir versucht, das Staunen darüber zu verlernen. In einer Welt, in der so manches machbar ist, wird vieles für selbstverständlich genommen. Wir tun gut daran, nicht zu vergessen, dass das Leben selbst nicht machbar ist. Im gehörten Evangelium hiess es: «Der Samen keimt und wächst, und der Mensch weiss nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht.» Das Leben ist ein grossartiges Geheimnis, vor dem wir nur staunend stehen und es als Geschenk empfangen und entgegennehmen können. Auch wenn wir heute vieles – so auch Saatgut - künstlich herstellen können, so bleibt doch das Wachstum, das was das Leben im Innersten ausmacht, nicht in unseren Händen. Wir haben es im «Wachstum» der Pflanzen mit einer grossartigen in der Natur verborgenen Kraft zu tun. Jesus, der mit offenen Augen durch die Welt ging und die Bilder aus der Natur als Gleichniserzähler deutete, verstand es diese Kraft mit Gott zusammenzubringen. Gott ist ebenfalls unsichtbar und doch verborgen am Werk. Es ist wie im Gleichnis beschrieben. Der Bauer sät aus, er kann für den Boden sorgen, dafür, dass das Saatgut auf guten Boden fällt. Er weiss aber, dass er das Saatgut in seiner Hand nicht selber gemacht hat. Er hat es empfangen. Wenn das Korn dann gesät ist, gilt es Geduld zu haben, bis alles reift und Frucht bringt. So ist es mit dem Reich Gottes oder wir könnten auch sagen mit dem Wirken Gottes. Es ist verborgen und doch kraftvoll. Es kennt das Wachstum aus sich heraus. Braucht aber doch uns Menschen, die beim Aussäen helfen. Es braucht auch Geduld, das Ergebnis ist nicht auf den ersten Blick sichtbar. Der Bauer zweifelt aber in keinem Moment, dass seine Saat nicht aufgehen wird, auch wenn er selbst das Wachstum nicht in der Hand hat. Wir sind eingeladen genauso vertrauensvoll am Reich Gottes mitzuwirken. «Gottes Reich» ist nach Jesu Verständnis überall dort, wo Menschen nicht nach den Massstäben der Welt, sondern nach denen von Gott handeln. Die Gesetze der Welt kennen wir gut: Der Stärkste zählt und gewinnt, wer fit ist, jung und gesund, gebildet und erfolgreich, wer hervorragende Leistung bringt oder eine besondere Herkunft vorweisen kann, zählt! Wir begehen heute den Flüchtlingssonntag. Die Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff «Aquarius» sind in diesen Tagen zum Spielball der politischen Interessen geworden. Sie mussten trotz Erschöpfung noch vier zusätzliche Tage durch Sturm auf dem Meer verbringen, weil sie nicht in Italien, sondern erst in Spanien Aufnahme fanden. Auf eine traurige und unverständliche Art wurden hier weltliche Massstäbe gesetzt. Im Reich Gottes gelten andere: Das Kleine, das Schwache und Unscheinbare ist in Gottes Augen viel wert und muss geschützt werden! Auch wir sind gefragt, wenn es um das Aussäen geht. Es liegt an uns, was wir aussäen: Allzu weltliches oder göttliches Saatgut; Samen, die das Reich Gottes wachsen lassen oder andere? Es liegt an uns, was wir aussäen:

  • Hoffnung oder Resignation
  • Verständnis oder Ablehnung
  • Versöhnungsbereitschaft oder Hartherzigkeit
  • anderen zugewandte Güte oder zurückweisende Strenge
  • einen Vorschuss an Vertrauen oder grundsätzliches Misstrauen
  • Hilfsbereitschaft oder den Blick auf nur mein Leben

Wir könnten hier noch viel aufzählen. Papst Franziskus ermutigt uns Christinnen und Christen in seinem sehr lesenswerten Lehrschreiben «Gaudete et exultate», das er am 19. März herausgegeben hat, dazu, am Reich Gottes mit zu bauen. Er spricht in diesem Zusammenhang von Heiligkeit! Sie denken vielleicht jetzt. Also das ist zu hoch! Das muss ich anderen überlassen. Heilig kann ich nicht sein! Papst Franziskus meint aber etwas anderes. Er schreibt und das soll uns allen eine Ermutigung sein: «Denken wir nicht nur an die, die bereits selig- oder heiliggesprochen wurden. Der Heilige Geist verströmt Heiligkeit überall, in das ganze … Gottesvolk hinein... Oft sind wir versucht zu meinen, dass die Heiligkeit nur denen vorbehalten sei, die die Möglichkeit haben, sich von den gewöhnlichen Beschäftigungen fernzuhalten, um viel Zeit dem Gebet zu widmen. Es ist aber nicht so. Wir sind alle berufen, heilig zu sein, indem wir in der Liebe leben und im täglichen Tun unser persönliches Zeugnis ablegen, jeder an dem Platz, an dem er sich befindet… Bist du verheiratet? Sei heilig, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst... Bist du ein Arbeiter? Sei heilig, indem du deine Arbeit im Dienst an den Brüdern und Schwestern mit Redlichkeit und Sachverstand verrichtest. Bist du Vater oder Mutter, Grossvater oder Grossmutter? Sei heilig, indem du den Kindern geduldig beibringst, Jesus zu folgen. Hast du eine Verantwortungsposition inne? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest.»

Es liegt an uns -aber zum Glück nicht nur, denn der, der wachsen lässt ist Gott – dass nebst den Früchten in der Natur auch ganz viele Früchte des Reiches Gottes kraftvoll wachsen und geerntet werden können!

Amen

 

 

 

 

 

 

 

Amen