Jürg Wüst

Evangelium:       Mk 5, 21-43

Liebe Gläubige

Von zwei unterschiedlichen Schicksalen zweier unterschiedlicher Frauen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und doch Berührungspunkte kennen und ineinander verwoben sind, wurde im eben gehörten Evangelium berichtet. Als die Tochter des Jairus zur Welt kam, begann das Leiden der Frau, die sich wagte in der Volksmenge Jesus zu berühren. Als blutflüssige Frau in der damaligen Gesellschaft hätte sie das aufgrund der Reinheitsgesetze nicht tun dürfen. Zwölf Jahre - und genauso alt ist jetzt die Tochter des Jairus - leidet die Frau an unregelmässigen Monatsblutungen, was sie vom gesellschaftlichen Leben ausschloss. Weil sie als unrein galt, musste sie sich von den Männern fernhalten und durfte sich in der Öffentlichkeit nicht frei bewegen. Nichts ist von einem aufrechten und selbstbewussten Gang zu spüren. Durch ihr Leiden ist die Frau eher gebückt und dennoch ringt sie sich durch, mischt sich in die Menge, um Jesus zu sehen; mehr noch, ihn zu berühren. Aber nur von hinten und so, dass ihre Berührung im Chaos der Menge untergeht, wie sie hofft. Dem ist aber dann nicht so. Jesus spürt die Frau. Er sucht sie, obwohl die Jünger um ihn die Berührung als eine Zufällige abtun wollen. Mit grosser Achtsamkeit geht Jesus durch die Menge, lässt sich nicht vom Chaos um ihn aufhalten und hat Zeit für die Frau, obwohl er ja zusätzlich noch einen anderen Auftrag hat und zur Tochter des Jairus gerufen wurde. Damit verbindet sich das Schicksal der Frauen, die ja sonst eigentlich nichts miteinander zu tun haben, ausser dass die eine zwölf Jahre alt ist und die andere eine ebenso lange Leidenszeit hinter sich hat. Die Dramatik der Geschichte steigert sich jetzt aber noch zusätzlich, weil die Tochter des Jairus stirbt, während Jesus sich Zeit für die blutflüssige Frau nimmt, die nach gesellschaftlichen Normen damals kein Anrecht darauf hätte, vielmehr sogar für ihr tun bestraft werden müsste. Jetzt ist das Schicksal der beiden verknüpft. Die zwölfjährige stirbt, weil eine andere Heilung findet. Mit ihrem Alter ist sie für damalige Verhältnisse am Übergang zum Erwachsenwerden. Auch das eine tragische Geschichte. Auch das eine Geschichte, die nicht von einem aufrechten Gang sprechen kann. Die Tochter des Jairus wurde am Übergang zum Erwachsenwerden krank. Von der Krankheit wird nicht berichtet. Man könnte darum auch daraus schliessen, dass sie das Erwachsenwerden selbst belastete. Die Phase der Pubertät ist eine Phase mit grossen Herausforderungen, die Jugendlichen das Selbstwertgefühl rauben können. Sie sind keine Kinder mehr und doch noch nicht Erwachsene. Die Pubertät ist die Phase der Identitätssuche: Wer bin ich, was kann ich, wo liegen meine Stärken? Aufgrund dieser Fragen beginnen Jugendliche zu vergleichen. Die Frage, wie nehmen mich andere wahr, rückt in den Mittelpunkt. Und diese Frage kann zuweilen auch sehr belasten. Wenn Jugendliche anders sind als die andern, können Zweifel gross werden, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen schwinden.

  • Da sagt ein Mädchen, das in die Realschule kommt: Ich bin zu dumm.
  • Da sagt ein Junge, der sportlich mit den anderen nicht mithalten kann, ich bin zu schwach, kein richtiger Mann…
  • Da sagt ein Mädchen, das wohlbeleibter ist: Ich bin zu fett!

Vielleicht war das bei der Tochter des Jairus auch so, dass sie in irgendeinem Punkt an sich zweifelte, sich nicht lebensfähig, ja tot fühlt. Umso wichtiger war die Ermutigung Jesu: Talitakum! Mädchen steh auf, du kannst es, du hast Kräfte in dir, die entdeckt werden möchten. Es sind jene Kräfte, die Jesus bei der blutflüssigen Frau, die es wagte sich über gesellschaftliche Normen hinwegzusetzen, spüren konnte. In diesem Sinn war jene Frau nicht ganz gebückt. In ihrem Innersten bewahrte sie sich einen Funken Selbstwertgefühl. Sie liess ich von ihrem Schicksal nicht ganz zu Boden drücken. Das spürte Jesus trotz Chaos um ihn und stärkte sie in ihrem Tun: «Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.» Scheinbar gelang es Jesus auch der Tochter des Jairus das Selbstvertrauen zurückzugeben, so dass sie nicht mehr am Ende fühlt, sondern aufrecht gehen konnte. Es ist das Thema, das die beiden Heilungsgeschichten verbindet: Der aufrechte Gang, das Selbstvertrauen. In diesem Sinn wollen diese Geschichten auch uns aufrichten und ermutigen, voll Selbstvertrauen im Leben zu stehen oder dort, wo wir uns gebückt fühlen, wiederaufrichten:

Ich sage dir: Steh auf

Steh auf, auch wenn alle meinen: Tot ist tot

Steh auf, wenn dich etwas umgeworfen hat

Steh auf, wenn du meinst, es geht nicht mehr

Steh auf, wenn du unendlich müde und ausgelaugt bist

Steh auf, wenn du niedergeschlagen bist

Steh auf, wenn du meinst, das Leben hat keinen Sinn

Steh auf, und lass dich von Jesus ansprechen

lass dich von ihm berühren, lass dich heilen

Er sagt auch zu dir: Steh auf, geh in Frieden und glaube!

 

Amen