Jürg Wüst

Lesung: 

Es lebte einmal ein alter und weiser König. Er hatte all die Jahre seines Lebens hindurch sein Volk mit Liebe und Weisheit regiert. Nun fühlte er, dass seine Zeit gekommen war, und er dachte voller Sorge an das, was nach seinem Tod mit seinem Volk und Land geschehen sollte. Da rief er seinen Sohn zu sich, den einzigen, und sprach zu ihm: «Mein Sohn, meine Tage sind gezählt! Geh du deshalb in die Welt hinaus und suche das Brot des Glücks, denn nur wenn du deinen Untertanen das Brot des Glücks geben kannst, werden sie satt werden, und du wirst ihnen ein guter König sein.» So ging der Prinz in die Welt hinaus und suchte das Brot des Glücks. Aber in welche Backstube er auch schaute, in welchem Laden er auch nachfragte, niemand kannte das Brot des Glücks. Der Prinz war verzweifelt. Als er in seiner Angst und Sorge da sass, kam ein Kind des Weges und schaute ihn an: «Du hast Hunger», sprach es und reichte ihm ein Stück Brot. «Da nimm, ich habe nicht mehr, aber mit dir will ich teilen.» Der Prinz nahm das Brot, und sogleich verschwanden seine Angst, seine Sorgen und seine Ungewissheit, als seien sie nie dagewesen. Er spürte inneren Frieden. «Das Brot des Glücks! Du hast das Brot des Glücks. Schnell, gib mir mehr davon! Wo hast du es her?» «Das ist das Brot, das meine Mutter heute Morgen gebacken hat. Sie gab es mir, damit ich keinen Hunger haben muss. Du hattest Hunger, und so teilte ich mit dir.» «Das ist alles? Ist es kein besonderes Brot?» «Nein, es ist wie jedes andere Brot, aber weil es zwischen dir und mir geteilt wurde, ist es für dich das Brot des Glücks geworden.» Da erkannte der Prinz, wo das Brot des Glücks für alle Zeit zu finden war. Er kehrte zu seinem Vater zurück und erzählte ihm, wie er das Brot des Glücks gefunden geholfen hatte. Von da an wusste der Vater, dass der Prinz genau wie er selbst das Reich mit Liebe und Weisheit regieren würde alle Tage seines Lebens.

Evangelium:          Mk 9, 2-8                                      

Liebe Gläubige

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus, die er am 19. März dieses Jahres veröffentlichte, beginnt mit den Worten aus dem Matthäus Evangelium: «Freut euch und jubelt.» Die lateinische Übersetzung gibt dem Lehrschrieben dann auch, wie es üblich ist, dass die ersten Worte als Überschrift gesetzt werden, den Titel: «Gaudete et Exsultate». Nochmals in Deutsch: «Freut euch und jubelt.» Es wäre für mich falsch, diese Botschaft einfach allen Menschen als Auftrag zu übertragen. Nicht alle Menschen in der Welt sind glücklich. Darum können und dürfen wir auch nicht allen Menschen direkt sagen, freut euch und jubelt! Das ist auch nicht die Absicht von Papst Franziskus. Aber er gibt mit seinem Lehrschreiben einen Hinweis, wie es gelingen kann, dass Menschen sich freuen und jubeln. Und er betont, dass der Glaube eine Frohe Botschaft sein soll und will. Unser Papst hat damit dieselbe Absicht, wie die Kathedrale von Santiago de Compostela als Gesamtkunstwerk und Gebäude. Die Heiligen und insbesondere unser Kirchenpatron Jakobus lächeln immer den Betrachtenden zu. Es gibt keine Darstellungen der Hölle oder von Unglück. Die Kathedrale erzählt, was glücklich macht.,Oder sie sagt: Hier darfst du den Glauben als eine Frohe Botschaft erfahren. Hier darfst du am Ziel der Pilgerreise, ein Stück Glück mit nach Hause nehmen.,Angst Sorgen und Ungewissheit sollen vertrieben werden, hier darfst du inneren Frieden erfahren.,Nochmals zur Erinnerung: «Glück ist, was lächeln macht, was Angst, Sorge, Ungewissheit vertreibt und inneren Frieden schenkt». Für die Pilgernden in Santiago ist es dann wie mit den Jüngern auf dem Berg der Verklärung. Sie erfahren Glück und Erfüllung, wissen aber auch, dass sie nicht dort bleiben können. Sie können nicht - wie die Jünger auch nicht - dort «Hütten bauen» und bleiben. Sie müssen genauso wie die Jünger zurückkehren in den Alltag, vom Berg heruntersteigen, Santiago wieder verlassen. Im Rucksack können sie aber die Botschaft mittragen, dass es Wege zum Glück gibt. An der Kathedrale in Santiago ist das bildlich so dargestellt, dass Gott Adam und Eva, beide alle drei auf gleicher Augenhöhe anlächelt, sie liebend umarmt, als wollte er sagen, geht hinaus in die Welt, liebt wie ich, behandelt die Menschen auf gleicher Augenhöhe, lächelt sie an und umarmt sie, dort wo sie es brauchen. Die gleiche Botschaft vermittelt die Geschichte vom Brot des Glücks, die wir anstelle der Lesung gehört haben: «Du hast Hunger» sagt das Kind und reicht dem Prinzen ein Stück Brot. «Da nimm, ich habe nicht mehr, aber mit dir will ich teilen.» Die gleiche Botschaft hat Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben. Er spricht davon, dass die Seligpreisungen wie eine ID, ein Personalausweis für die Christinnen und Christen sein sollten. Eine ID lässt die Person identifizieren. Die Christinnen und Christen sollten mit den Worten der Seligpreisungen identifiziert werden: In den Seligpreisungen werden die Armen, die Trauernden, die Hungernden nach Gerechtigkeit glücklich gepriesen. So gehören nach unserem Papst die folgenden Eigenschaften zur christlichen Identität:

  • Bescheidenheit im Herzen
  • Sanftmut, die Fehler und Grenzen anderer mit Milde sieht, ohne sich für besser zuhalten
  • Echte Empathie, die Leid und Not nicht ausweicht, sondern mit anderen echt trauern kann
  • Voll Hunger und Durst nach Gerechtigkeit zu suchen
  • Mit Barmherzigkeit, sehen und handeln: Das heisst anderen zu geben zu helfen, zu dienen und ebenso zu vergeben und zu verstehen
  • Das Herz reinzuhalten von allem, was Liebe befleckt.
  • Um sich herum Frieden zu säen.
  • Und den Weg des Evangeliums anzunehmen, auch wenn es Schwierigkeiten bringt.

Ist das nicht ein wunderbarer Weg zum Glück? Ist das nicht ein Weg, der hilft, Angst, Sorge, Ungewissheit zu vertreiben und ist das nicht ein Weg, der zu innerem Frieden führt? «Glück ist, was lächeln macht, was Angst, Sorge, Ungewissheit vertreibt und inneren Frieden schenkt». Von diesem Glück wünsche ich unserer Pfarrei und allen Menschen, die uns begegnen so viel sie brauchen!