Jürg Wüst

Lesung:             Phil 1, 20ad-24.27a
Evangelium:    Mt 20, 1-16a

Liebe Gläubige

Wir sind uns gewohnt, dass Leistung am Lohn gemessen werden kann und umgekehrt Lohn von der Leistung abhängig ist. Darum können wir noch so gut verstehen, dass bei den Arbeitern, von denen im Gleichnis die Rede war, Unmut entsteht. Sie rechnen sich aus: Wenn einer eine Stunden arbeitet und einen Denar erhält, dann müsste es doch für zwei Stunden zwei Denare und für drei Stunden drei Denare usw. geben. Das ist einfache Mathematik und zudem entspricht das unserem Gerechtigkeitssinn. Im Gleichnis verhält sich der Gutsherr aber anders. Im Sinn eines Lohn-Leistungsdenkens ist sein Verhalten völlig ungerecht. Das Gleichnis zeigt, dass der Gutsherr auf einen ganz anderen Massstab setzt. Ihm geht es nicht um ein Lohn-Leistungsdenken. Der Gutsherr sieht weiter. Machen wir die Rechnung einmal umgekehrt: Da ist ein Arbeiter, der beginnt seine Arbeit früh am Morgen. Mit ihm ist ein Denar ausgemacht. Das ist, wenn wir es umrechnen, so viel wie ein Familienvater für einen Tag als Lebensunterhalt für seine Familie braucht. Dieser Mann, der am Morgen schon eine Anstellung fand, hatte Glück. Er muss sich für heute keine Sorgen mehr machen. Ganz anders sieht es mit jenen Männern aus, die um die dritte Stunde, das bedeutet um 9 Uhr, immer noch auf dem Marktplatz stehen und keine Arbeit gefunden haben. Und mit jenen, die am Mittag noch untätig auf dem Marktplatz warten. Und schliesslich mit jenen, die die Hoffnung auf Arbeit am Nachmittag um 15 Uhr schon aufgegeben haben. Wie werden sie zu ihren Familien mit zu wenig Erwirtschaftetem oder gar mit leeren Händen zurückkehren, im Wissen, dass auch ihre Kinder Hunger haben werden? Das hat der Gutsbesitzer vor Augen. Angesichts dieser Tatsache, dass Kinder Hunger haben müssen, wenn ihre Väter zu wenig Lohn nach Hause bringen, setzt er nicht den Massstab vom Lohn-Leistungsdenken an. Er misst sein Tun am Prinzip der Güte. In der Antike kannte man die Göttin der Gerechtigkeit, die Justitia. Sie wurde mit einer Waage in der Hand dargestellt. Diese Waage steht für ausgewogene Entscheide, für den Ausgleich. Justitias Augen sind verbunden, damit sie ihre Entscheidungen ohne Ansehen der Person treffen kann, also ohne Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung oder finanzielle Situation. Dieses Verständnis von Gerechtigkeit orientierte sich am griechischen Philosophen Pythagoras. Für ihn war Gerechtigkeit Gleichheit. So funktioniert unsere Gesellschaft. So funktioniert das Lohn-Leistungsdenken. Im Gleichnis wird ein anderes Gerechtigkeitsdenken angewandt. Es orientiert sich mehr an einer Idee von Aristoteles sprach von der austeilenden oder ausgleichenden Gerechtigkeit. Nicht alle bekommen gleich viel. Derjenige, der zu wenig hat bekommt mehr. Jede und jeder bekommt das, was er braucht. Der Lohngedanke bekommt so eine andere Bedeutung. Genauso, wie im Gleichnis, wo der Gutsherr feststellt: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir. Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin? Nicht Neid und Missgunst, sondern Güte und ausgleichende Gerechtigkeit, sollen im Vordergrund stehen. Diese Haltung ist es, die für Jesus das Reich Gottes ausmacht. Dort, wo Menschen ihrem Blick, wie der Gutsherr weiten, da kann Gottes Reich anbrechen. So lädt das Gleichnis ein, nicht neidisch zu sein, nicht zu vergleichen, sondern sich daran zu freuen, dass Menschen Güte erfahren dürfen… «Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit», so hat Sören Kierkegaard formuliert. Ein grosses Glück ist es, wo Menschen nicht vergleichen, sondern sich am Schwächsten oder an der Schwächsten orientieren. Amen