Jürg Wüst

Lesung:                             Apg 2,1-11
Evangelium:                   Joh 20,19-23

Liebe Gläubige

Mit Pfingsten feiern wir die Geburtsstunde der Kirche. Aber wie geht es dem Geburtstagskind? Wie steht es um diese Kirche? Wie denken Sie darüber? Ist die Kirche in die Jahre gekommen und hat ihre aktivsten Tage durchlebt, so dass sie alt und gebrechlich geworden ist? Liegt sie gar auf dem Sterbebett? Oder sehen Sie das nicht so? Denken Sie die Kirche hat schon so viele Jahrhunderte durchlebt, dass sie auch diese - eigentlich auf Europa beschränkte - Krise schon überstehen wird, wenn sie nur genug standhaft bleibt? Geben Sie der Kirche auch in Zukunft eine Chance? Hat für Sie die Kirche Zukunft? Und: Wie sieht diese Kirche in der Zukunft aus?


Bevor wir die Fragen aus dem Bauch heraus beantworten, tun wir gut daran, uns zwei, drei Dinge vor Augen zu führen.

  • Da ist zunächst die Tatsache, dass die Kirche heute in unterschiedlichen Konfessionen besteht und nicht immer eine ruhmreiche Geschichte schrieb und schreibt. Dazu kommen heute Kirchenaustritte. Sie ist nicht massiv aber doch stetig. Zwar sind die Katholiken in der Schweiz in absoluten Zahlen gleichgeblieben. Dennoch ist der Anteil von rund 47% im Jahr 1970 auf 37% gesunken. Der Zuwanderung ist zu verdanken, dass immer noch 2,5 Millionen Menschen in der Schweiz katholisch sind.
  • Eine weitere Tatsache ist, dass sich die Gesellschaft und damit auch die Kirche immer wieder verändert hat. Mit dazu gehört heute die Herausforderung, dass kaum mehr kirchliches Personal zur Verfügung steht. Nicht nur der Priestermangel, sondern auch sonst fehlendes Personal ist eine Tatsache, gerade auf katholischer Seite. Bei uns in der Seelsorgeeinheit stehen bis in fünf Jahren im Seelsorgeteam vier Pensionierungen an.
  • Und noch eine Tatsache ist, dass sich auch die Menschen verändern. Der Glaube ist privater geworden als früher.

 

Es macht keinen Sinn, die Augen vor diesen Tatsachen zu verschliessen und so zu tun, als wäre alles anders. Aber wir tun auch gut daran, nicht nur diese grossen Herausforderungen zu sehen, sondern auch zurück zu den Anfängen zu schauen. Der Blick auf die Pfingsterzählung kann da, wie ich meine sehr heilsam sein, weil wir sonst sehr schnell in eine resignative Stimmung verfallen könnten… Darum schauen wir zurück – auch darum, weil wir biblische Geschichten nicht nur lesen, weil sie an Vergangenes erinnern. Nein, die biblischen Geschichten wurde in der Absicht geschrieben, dass sie das Erzählte gegenwärtig setzen. Und dass sie Zukünftiges erzählen.

Also schauen wir zurück:

  • Nach dem Tod Jesu waren es wohl nicht wenige Sympatisantinnen und Sympatisanten, die der aufbrechenden Jesusbewegung wieder den Rücken kehrten. Selbst der «harte Kern» hatte sich ja aus Angst vor den Römer zurückgezogen und im Obergemach eingeschlossen.
  • Auch in der ersten Zeit mangelte es an Personal. Wer konnte der Kirche Leben einhauchen, wenn die wichtigsten Vertreter im Obergemach abgeschottet lebten und für sich beteten?
  • So war auch der Glaube damals eher eine Bewegung nach innen als nach aussen.

 

Ja, wer gibt da der Kirche eine Chance? Das Pfingstereignis sagt, da kam trotz allem Bewegung in die ganze Sache. Der Funke sprang! Fenster und Türen wurden aufgerissen. Die Bewegung des Rückzuges wird zur Bewegung hinaus in die Welt, auf den Platz, vor der Tür, zu den Menschen. Ja und diese Menschen verstanden. Es wird keine unverständliche Sprache gesprochen. Wenn wir an die Bibel glauben – da sind wir herausgefordert - , dann gilt es auch daran festzuhalten, dass wir es mit den Berichten der Evangelien und der Apostelgeschichte nicht nur mit Vergangenheit zu tun haben. Gottes Geist ist keine Episode von damals. Dieser Geist kann auch uns ergreifen: Er weist den Weg, der die Kirche auch in die Zukunft führt. Ängstlichkeit und Rückzug sind nicht das Rezept. Gottes Geist «reisst Mauern ein» wie es in einem Lied heisst. Gottes Geist kann verändern – auch wenn Veränderungen manchmal schmerzen. Er kann auch heute den Funken springen lassen: Jetzt, da, in unserer Gemeinschaft. Ich bin überzeugt: Sie gehen anders nach Hause als sie gekommen sind! Erfüllter, gestärkter, motivierter im Glauben. Gottes Geist macht das möglich! Gottes Geist bewegt auch heute Menschen, die Kirche trotz der Herausforderungen nicht auf dem Sterbebett zu sehen. Und so möchte ich mit dem Pastoraltheologen Thomas Söding sagen:

«Mein Traum ist, dass es nicht nur ein Traum bleibt: Menschen, die der Kirche angehören, gehen raus aus der Anonymität und geben dem Glauben ihre Stimme – und finden in der Kirche Gehör. Und Menschen, die mit der Kirche nichts (mehr) anfangen können, werden neugierig, warum es diese grossen Gebäude mit den hohen Türmen, die zum Himmel weisen, gibt und wer diese Häuser wohl bewohnen mag. Die Kirche hat ganz klein angefangen und ist ganz gross herausgekommen, vielleicht zu gross. Jetzt ist die Zeit, neu anzufangen – ohne Illusionen, aber mit einer Hoffnung, die nicht nur ein Traum ist.»

Amen