Jürg Wüst

Lesung:                              1 Kor 13, 4-13 Kurzfassung (4.So JK C!)      
Evangelium:                   Lk 2, 22-40                                             

Liebe Gläubige

Wenn ein alter betagter Mensch ein Baby auf dem Arm trägt, dann ist das nicht nur ein Bild für die Verbindung zwischen den Generationen, sondern auch ein Hoffnungsbild. Der alte Mensch wird irgendwann sterben, weiss aber auch, dass hier auf der Welt das Leben mit dem Kind, das er auf seinem Arm trägt, weiter geht. Der Wunsch sitzt sicher tief, dass das Kind eine gute Zukunft haben wird. - Vielleicht wünscht sich der Tragende sogar, dass das Kind in einer besseren und sicher nicht schlechteren Welt aufwachsen darf. Zwei berührende Begegnungen dieser Art über die Generationen hinweg haben wir eben gerade im Evangelium gehört.

Der alte fromme Mann Simeon wartet schon lange darauf, dass er den Messias sehen kann. Seine Welt ist noch nicht so, wie sie sein sollte. Im Säugling Jesus, der von den Eltern in den Tempel gebracht wird, um die Vorschriften des Moses zu erfüllen, erkennt er jetzt den Hoffnungsträger für die Welt. Er erkennt im wehrlosen Kleinkind, den Träger der Verheissung für eine bessere Zukunft. Auch die hochbetagte Prophetin Hanna, die Gott Tag und Nacht im Tempel diente, erkennt Jesus als den Messias. Zwei alte Menschen sehen das Potential, das im neugeborenen Kind liegt: «Ein Licht, das die Menschen erleuchtet und Herrlichkeit für das Volk Israel.»

Vor 5 Wochen haben wir mit dem Fest der Taufe Jesu den Weihnachtsfestkreis beendet. Vor der Liturgiereform dauerte die Weihnachtszeit bis zum Fest Mariä Lichtmess. Heute heisst das Fest «Darstellung des Herrn». Das Festgeheimnis gehört sicherlich mit dem Gedanken des Lichtes und den vielen Kerzen zu Weihnachten dazu. Wenn wir den Inhalt des Festes genauer anschauen, dann eröffnet die Erzählung von Lukas aber noch viel mehr Dimensionen. Es wird mit der Weissagung Simeons sogar die Brücke zum Kreuzweg und zu Ostern geschlagen: «Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.» Ein Detail steckt auch darin, was Lukas kaum erwähnt: Jesus wird als Erstgeborener im Tempel dargebracht, um dem Gesetz des Moses zu entsprechen. Normalerweise wird bei diesem Ritual das Kind von den Eltern wieder losgekauft. Davon berichtet Lukas bewusst nicht. Jesus gehört zu Gott, von allem Anfang an. Lukas wünscht sich, dass seine Gemeinde das glaubend erkennt: Jesus gehört zu Gott.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht für Lukas nicht die Darstellung Jesu im Tempel, die dem heutigen Fest den Namen gab. Der eigentliche Mittelpunkt ist die Begegnung zwischen den Generationen, zwischen Jung und Alt. Man könnte auch sagen zwischen erstem und zweitem Testament. So verkündet Simeon allen Anwesenden, während er Jesus, das Kind, das für eine neue Zeit und die Zukunft steht, auf den Armen hält: «Dieser ist das Heil der Welt, ein Licht, das sogar die Heiden erleuchten wird!» Jemand der mit seinem Leben voll und ganz im ersten Testament, dem jüdischen Glauben aufgewachsen ist, verkündet das Neue, das mit Jesus angebrochen ist.  Wir spüren, dass es der Evangelist Lukas sehr gut versteht, in seinen Erzählungen mit starken Bildern eine tiefe Botschaft auszudrücken. Da ist dieses Kind, es steht als Licht der Welt für eine neue Zukunft.
Es steht als von allem Anfang an zu Gott gehörig als Messias für das Heil der Welt, ein Heil, das alle Grenzen überwindet und nicht auf Israel zu beschränken ist. Das ist die Botschaft des Lukas. Und jetzt versteckt er in seiner Erzählung auch den Hinweis, welchen Menschen der Zugang zum Heiland der Welt am ehesten offensteht oder leichter gelingt. Er möchte seiner Gemeinde dafür die Augen öffnen und zeigt das an den Personen, die beim Ritual im Tempel in besonderer Weise eingebunden sind. Da ist Simeon. Sein Name bedeutet «Hörender». Nomen est Omen, sagen wir: Bei Simeon stimmen Name und Grundhaltung überein. Als aufmerksam auf Gott Hörender hat er bis ins Greisenalter die Verheissungen Gottes immer neu verinnerlicht und ihnen vertraut. Hanna, die langjährige Witwe, hat ihre schwierige Lebenssituation angenommen. Ihr Name bedeutet: «Gott ist gnädig». In diesem Glauben und Vertrauen hat ihr Lebensschicksal sie nicht innerlich gebrochen. Auf vieles, ja auf sehr vieles hat sie als Witwe in damaliger Zeit verzichten müssen. Aus ihrem Glauben und einer tiefen und innigen Beziehung zu Gott schöpft sie Kraft, bewertet und gestaltet ihr Leben trotz allem positiv. Und da sind schliesslich auch Maria und Josef. Sie zählen zu den Kleinen und Unbeachteten. Sobald sie Gottes Willen erkennen, handeln sie. Es gibt kein langes Zögern bei diesen beiden. Das heisst also: Menschen, die hörend sind, die auf Gottes Gnade vertrauen und die sich letztlich wie Maria und Josef als Gottes Werkzeug sehen, werden in ihrem Leben einen Zugang zu diesem Licht der Welt finden. Mit seiner Erzählung hat Lukas verschiedene Vorbilder für ein Leben aus dem Glauben geliefert. Es ist auch an uns, im Blick auf sie zu reagieren. Maria und Josef kehren mit dem Segen Gottes nach Hause zurück, um sich neu dem Alltag und Leben zu stellen. Auch wir sind wie sie in den Tempel hier in die Kirche gekommen, um mit dem Segen Gottes zurückzukehren in den Alltag. Mögen wir bestärkt werden, als hörende, aber auch als vertrauende Menschen Werkzeug im Dienst des Lichtes, von Jesus Christus zu sein. Amen